2016-08-12

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 21.07.1820 (352)



352. An Goethe 21.07.1820

Deinen »Prometheus« habe ich sogleich an die Bestimmung selber abgegeben, doch die Herzogin von Cumberland nicht gesprochen, indem sie jetzt eine unzertrennliche Gefährtin ihrer Schwägerin, der Prinzeß Friedrich, ist, die seit ihrer letzten Entbindung wieder an ihrer alten Gemütszerrüttung leidet.

Dein Bericht, daß der kleine goldene Einsiedler richtig und unbeschädigt eingegangen, ist mir sehr lieb gewesen. Die ganze Sache war mir entfallen, und ich kann mich in der Tat nicht besinnen, wem ich ihn mitgegeben habe. So wie ich das saubere Figürchen sähe, fiel mir gleich ein, es Dir zu schicken, da Du eine Menge solcher Sachen hast, bei denen sich’s besser als in der Rapuse ausnehmen müßte. Abraham Mendelssohn hat es mit aus Paris gebracht.

Spontinis »Cortez« habe ich nun zweimal gehört. Das Gedicht ist von de Jouy und nicht viel besser als die sehr schlechte deutsche Übersetzung, welche hier untergelegt ist. Die Musik möchte ich der der »Vestalin« vorziehn, doch müßte ich sie noch einige Male hören, da ich wohl eine Art von Übersicht, aber noch keinen festen Observationspunkt gewonnen habe.

Einzelnes ist in der Tat admirabel, und die Tänze durchaus gut und geistvoll. Was mich bis jetzt noch verwirrt, ist, daß ein großgeborner, im Großen versuchter Italiener großen heroischen Gegenständen kleine melodische Formen anlegt, die sich wieder problematisch ausnehmen, indem sie vonseiten der musikalischen Begleitung mächtig angetan sind. Werden wir doch sehn, ob wir einen festen Punkt finden können.

Übrigens bin ich in ein gutes künstlerisches Verhältnis mit diesem Komponisten geraten. Er hat sich sehr vertraulich mir von selber genähert; ja was noch kein Italiener und Franzose so getan hat: er hat viermal die Singakademie besucht und scheint einen Anteil daran zu nehmen, den ich gern erkenne.

Was er bis jetzt gehört hat, sind Leistungen ohne Probe gewesen; denn da ich eine Art von Repertorium beim Institute observiere, so wird jedesmal zwar schon Bekanntes, aber doch anderes durchs ganze Jahr vorgenommen. Es findet daher bei uns nur eine Vorbereitung statt, wenn große öffentliche Aufführungen unbekannter Stücke gegeben werden, wo von Rechts wegen jedes Individuum nach Fähigkeit seiner Stimme mächtig sein muß.

Und doch scheint unser Ensemble seine Aufmerksamkeit erregt zu haben, da wir nicht darauf ausgehn, was man Sänger nennt zu erzielen, sondern nur jeder seines Elements mächtig sein oder werden soll.

Was bei solchem Institute schlimm ist, ist eben auch gut. Denn eine Gesellschaft von nahe an 300 regeneriert sich jede zwei bis drei Lüstern mehr als zur Hälfte, und da von Zeit zu Zeit neue dazukommen, so wird ewig von vornherein gearbeitet; aber wir bleiben ewig jung, und so haben wir keinen Überfluß an alten Weibern feminini und masculini generis, und das Ding nimmt sich zumal bei Licht selbst in der Nähe nicht schlimm aus; die Weiblein können sich wöchentlich zweimal berufshalber putzen, miteinander klatschen, und daher die Lust, welche andere daran nehmen, die Sache verbreitet.

Freilich hat’s an andern Orten nicht leicht Bestand, weil das Klatschen endlich die Hauptsache wird, was jedoch bei uns unterm Maße bleibt, weil ich jedesmal der Erste vorhanden bin und mit dem Nächsten, der nach mir kommt, sei’s Mann oder Weib, gleich etwas zur Sache Gehöriges vornehme. Dazu kommt, daß nun nach 30 Jahren die Gesellschaft eine Familie worden ist von Männern, Frauen, Geschwistern, Kindern und Angehörigen und sich selbst recht gut beobachtet, so daß noch kein Skandal keiner Art geschehen ist, als den ich manchmal selber durchfallend verursache und der denn freilich eine Woche lang die Unterhaltung der Stadt ist.

Dieses Ding nun stand bis jetzt in einem widersprochnen Verhältnisse mit den Sängern, die sonst die italienische Oper formierten, und wiewohl ihre Autorität von uns anerkannt, ja als Vorbild angesehen worden, so waren wir doch keine berufene Italiener, die den Hof und die höchsten Stände innehielten; da mußte es denn an allem fehlen, was Protektion geben kann. —

Scharfe Augen wollten sogar etwas von Neide kometenartig schweifen sehn, und wären wir ein fremdes Völkchen gewesen, so würde man sich einiger pharaonischen Bedrückungen rühmen; da man jedoch seine Stellung nicht verließ und nur vorging, wo Platz war, so erhielt sich die Kraft ohne die Macht, und kurz, es war kein andrer Rat als fortzufahren mit der Tat.

Diese allein ist es, deren wir uns zu freuen haben, ob wir gleich heut noch nicht wissen, wo wir das Haupt hinlegen sollen, und diesen letzten Umstand hat Spontini mit einer Art von Schrecken sogleich bemerkt, und da er wie viele gute Seelen den Mond im Monde entdecken will, so findet er’s unbegreiflich, daß eine Sache, die die Welt nennt und nicht kennt, sich in stinkenden Ställen unterhalten und vom Abgange leben muß.

Da Du mich in Deinen letzten Briefen mit Geschichten bewirtest, so mußt Du schon vorliebnehmen, wenn ich Dich gleicherweise bediene.

Du erinnerst Dich wohl noch, wie einst unser Schiller auf mich losfuhr, als ich, unbedachtsam genug, geringschätzig von der Geschichte sprach: sie sei nur lehrend, wenn sie nicht wahr sei und sie vom Geschichtschreiber zugerichtet werde, wie sie ihm am besten schmecke.

Dies aber sind Geschiehten, Die Du Dir würzen magst nach Belieben, und somit: Gott befohlen! Berlin, den 21. Juli 1820.

Dein

Z.

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