2016-08-06

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 12.08.1819 (328)




329. An Goethe 12.08.1819

Baden, den 12. August 1819. 

Gestern abend habe ich Deine Übersetzung des »Mahomet« und »Tankred« gelesen. Soll ich nach dem ersten Eindrücke urteilen, so muß ich sagen: es ist bewundernswürdig, ja zum Erstaunen, was ein gewisses Talent, Übung und Meisterschaft leisten — aber ich bin ohne Trost davongegangen.

Ich fühlte mich zerrissen, besonders vom »Mahomet«, und im »Tankred« kann ich eben nicht erraten, warum die Liebenden umkommen müssen. Sie scheinen mir keine tragische Personen zu sein, wenigstens handeln sie nicht so, und das Unglück fällt wie eine Bombe aus den Wolken auf wandelnde Menschen, die dadurch plötzlich wichtig werden sollen.

Es fällt mir dabei ein, was Du einst über diesen Dichter ausgesprochen hast: daß ihm kein Talent abgehe als die Tiefe.

Mahomet ist ein Tyrann ohne Würde, und ohne Verhältnis zu seinem Gegner Sopir.

Im »Tankred« scheinen die Nebenpersonen nur wegen schöner Reden dazusein; alles ist ausgedacht, erdacht, gedreht, verdreht: der Vater soll keine Ahndung haben, daß die Mutter ein Bündnis der Tochter mit Tankred gutgeheißen? die Tochter, ein herzhaftes wahrhaftes Wesen, soll unter diesen Umständen ein Geheimnis machen, wen sie liebt? — welche Quälerei! Kurz, wenn ich Voltaire oder sein Gegner wäre, ich getraute mir, aus dem »Tankred« ein lustiges Hochzeitstück zu machen und einen Narren zwischenein zu stellen, der sie alle zum besten hätte.

Was Du im »Diwan« Seite 377, unter der Aufschrift »Verwahrung«, als Unterschied zwischen Poesie und Redekünste[n] aussprichst, scheint mir hier Anwendung zu finden: es sind Historien, und wer sie nicht glauben will, kann’s bleiben lassen.

Voltaires schönes Französisch scheint recht dazu gemacht, gewissem Unwesen Farbe und Gestalt zu geben, um Straßen und Spaziergänge mit gemalten Leichen zu beleben. Oft genug hat mir’s weh getan, wie deutsche Kritiker auf französische Stücke losgegangen sind, die mir in Sprache, Form der Teile und des Ganzen unwidersprechlich, bequem und manierlich erschienen sind. Und wenn sich dieser Eindruck auf ihre eigene Nation Jahrhunderte hindurch fortgeerbt hat, wie soll nicht der Fremde, der Deutsche, der nichts Altes hat, hingerissen werden?

Hier ist mir nun das Verdienst Deiner Übersetzung deutlich worden, die so füglich, klar, ohne sich vom Originale zu entfernen, die Charaktere renaturalisiert.

Du mußt mir dies Geschreibe schon zugute halten, wenn ich wie ein halber Mathematikus mit der Feder in der Hand Äquationen herschreibe, um sie mir durch Schwarz gegen Weiß zum Begriffe zu formen. Weiß ich doch hier nichts anders zu tun als Müßiges. Das Musikwesen hier, verbunden mit dem ewigen Glockenläuten, führt mir die Gedanken abwärts.

Die Gegend umher wie die Fruchtbarkeit an Wein, Korn, Obst und Gedeihen aller Art sind nicht auszusprechen. Im Bade hört man die Gutsbesitzer über den Fall der Kornpreise Klagen führen. Nächstdem wird auf Preußen laut und auf Rußland sachter gescholten. Zu einem geistigen Gespräche kommt es nicht leicht.

Letzthin trat ich in eine Damengesellschaft, wo eben von Dir die Rede war. Meine Ankunft verursachte eine kleine Stockung. Eine kleine dicke Berlinerin setzte die Materie fort, indem sie sich an mich wandte und sagte: »Hier wird eben davon gesprochen, daß ein Mann wie Goethe über so manchen Gegenstand schreibt, ohne Gefahr für die Jugend zu befürchten.« Als Beispiele wurden manche Deiner Gedichte und endlich die »Wahlverwandtschaften« angeführt.

Ich war eben nicht gewappnet, Deine Sache gegen Frauen zu führen, worunter ganz junge waren, und sagte: wenn die Jugend durchaus lesen soll, so fehle es nicht an Jugendschriften, die von ihren Verfassern gewiß für schicklich gehalten würden, und in dem Falle befinde sich doch eigentlich jeder Verfasser.

»Wieso? Schreibt man denn nicht, um gelesen zu werden?«Das ist, wie es ist: man schreibt, was einem gefällt, und so ist es kein Wunder, wenn uns gefällt, was wir schreiben.

Darum verlangt ein jedes Buch seinen Leser, und für die Jugend sollte vielleicht gar nichts geschrieben sein.

»Sonderbar!«

Die Jugend ist eigentlich begierig, das Leben selber zu versuchen und zu üben, und im Bemerken des Lebens, womit die Alten ihr vorgehn, schärfer als wir denken. Schlimm genug, wenn sie nicht lesen darf, was sie sieht, — wenn sie nicht unter dem, was wir verheimlichen, das Ärgste argwohnt und — mit Recht!

»Das Ärgste? mit Recht? Dahin wäre es gekommen?«

Das Ärgste! Seit Jahrtausenden haben sich Philosophen abgearbeitet, die Fortdauer des Menschen zu beweisen, und was ist ärger als der Leichtsinn, worin ein fortdauerndes Wesen in der sogenannten gebildeten Welt erzeugt wird? Denn: im Unnatürlichen liegt die Sünde, nicht im Willen, Böses zu tun. Und davon ist die Rede.

Dies, meinte man, sei noch dunkler als der Titel des Buchs, der Verborgenes ankündige und durch den großen Namen des Verfassers anlocke; die Schrift sei allerdings im 'Tiefsten ernsthaft, aber verwundend mit Absicht.

Wenn das ist, so soll’s auch sein: Ich selbst bin gemeint, du bist gemeint, er ist gemeint, und so weiter, und der Herr Verfasser wird’s nicht ungut nehmen, wenn wir ihm auf den Kopf Zusagen: wo du hervortrittst, da hast du gestanden!

»Schrecklich!«

Wir sind literarisch verwöhnt: das Laster wird uns am Modell, an armen Sündern gezeigt, von armen Sündern. Lasterhaft sind wir nicht, und die Rechnung wird geschlossen. Die Tugend eignen wir uns zu, weil wir wirklich darnach streben; wie sollen wir denken, daß wir die ganze sogenannte Tugend selig entbehren könnten, wenn Unart und Zeit es erlaubten, natürlich zu sein?

»Das war noch dunkler.«

Der große Name des Verfassers aber ist ein reines Nichts wenn wir nicht das Vertrauen zum Ärzte haben: er werde da schneiden, wo der Schaden sitzt. In diesem rechtschaffnen Vorurteile befangen, pflege ich zu unterscheiden zwischen sogenannten Leseschriften und solchen, die wie das Ei von allen Seiten unzugänglich erscheinen, die ich mir daher im Busen ausbrüte und mir dadurch einen baren Anteil am Inhalte selber erwerbe.

Eben trat ein deutscher Graf herein, mitten in der Beichte. Es ward Französisch gesprochen, hin und her, kreuz und quer, was, aber nichts! Doch bemerke ich, daß das Buch wieder gelesen wird, wenigstens liegt’s bei der Hand.

16. August. Gestern habe ich mal wieder singen hören, freilich Italienisch, denn Deutsch wird nicht gern gesprochen, geschweige denn gesungen. Es gibt nichts als Rossini; dieser herrscht, er mag wollen oder nicht: das ist die Freiheit. Und die Italiener haben recht. Die Stimme will singen, um ihrentwillen, und wer ihr den Willen tut, das ist ihr Mann. Nun fängt aber auch hier die Kritik an, sich zu stellen; da nimmt sie denn das Nächste zuerst, und Rossini möchte seine Not haben, wenn er es besser machen wollte, als er kann.

Ein paar sechszehnjährige Mädchen sangen die Stücke recht bequem und füglich, und so klingt das tollste Zeug noch etwas, wenn es nur glatt abgeht.

Beethoven ist aufs Land gezogen, und niemand weiß wohin. An eine seiner Freundinnen hat er eben hier aus Baden geschrieben, und er ist nicht in Baden. Er soll unausstehlich maussade sein. Einige sagen: er ist ein Narr! Das ist bald gesagt. Gott vergeb’ uns allen unsere Schuld! Der arme Mensch soll völlig taub sein. Weiß ich doch, wie mir zumut ist, wenn ich hier das Fingerieren mit ansehe und mir armem Teufel ein Finger nach dem ändern unbrauchbar wird. Letzthin ist Beethoven in ein Speisehaus gegangen; so setzt er sich an den Tisch, vertieft sich, und nach einer Stunde ruft er den Kellner: »Was bin ich schuldig?« — »Euer Gnaden haben noch nichts gegessen; was soll ich denn bringen?« — »Bring, was Du willst, und laß mich ungeschoren!«

Der Erzherzog Rudolf soll sein Gönner sein und ihm 1500 Gulden Papier jährlich geben. Damit muß er sich denn freilich einrichten, wie hier alle Musenkinder. Diese sind hier wie Katzen gehalten; wer sich nicht aufs Mausen versteht, spart so leicht nichts. Dabei sind sie jedoch alle so rund und vergnügt wie die Wieseln.

Der Park hier, dicht an meiner Wohnung, der am Fuße des Kalvarienberges liegt, ist Sonntags wie ein türkisches Paradies. Was an schönen Weibern in Wien ist und einen Wagen bezahlen kann, stellt sich Sonntags nach 11 Uhr ein, aufs anmutigste geputzt und gestutzt, daß man lauter Augen sein möchte. Es gibt viel schöne Frauen hier, besonders von mittlerm Alter, glatt, rein, weder bedeckt noch versteckt und von der reizendsten Karnation. Der höchste Anstand, auch bei Verdächtigen, ist zur Bewundrung allgemein, und wer sich nicht auf Augen verstünde, sollte denken, es gäbe Madonnenwälder. Der Park selbst ist nicht groß und kann über 1000 Quadratruten enthalten. Er ist von breiten Gängen durchschnitten, die so rein gehalten werden, daß man nach dem größten und längsten Regen mit Schuhen wandeln kann. Er liegt gegen die Mitte der Bergkette, deren Spitze der San Calvario ist, der sich bequem in einer halben Stunde besteigt und von dem man das ganze Badner Tal links, gegen Morgen, nach Wien hin und geradeaus in das segenreiche Ungarn hineinschaut. Rechts, eine halbe Stunde davon, liegt das Dorf Sant’ Elena, in einer Spalte, die einen artigen Fluß durchläßt, wie die Eger bei Karlsbad oder der Neckar bei Heidelberg, doch noch anmutiger als beide. Der Erzherzog Anton hat die schönsten Spaziergänge, Wiesen, Brücken und Ruheplätze auf seine Kosten zum allgemeinen Vergnügen aptieren lassen. Das Gestein ist, soweit ich es gesehn, Kalk, Sandstein und ein grauer fester Granit, der eine feine Politur annimmt und womit zum Teil die hiesigen Bäder ausgestellt sind. Das Badewasser ist ein Schwefelwasser, was die ganze Gegend, wo es abfließt, mit seinem Dampfe erfüllt. Den Pferden scheint es zuwider zu sein, sie sind nur mit Mühe hineinzubringen; einige nehmen sich wie toll aus.

In Wien wie hier habe ich mich vergebens bemüht, die Oper »Elena e Costantino« aufzubringen. Salieri und Weigl wußten nichts davon. Die Oper ist von Simon Mayer und im August 1816 zu Mailand gegeben worden. Frau Baronin v. Pereira hat mir nun versprochen, nach Mailand zu schreiben und das Sextett kommen zu lassen. Die Oper selbst wird nicht gelobt, das Sextett soll das ganze Stück beleben.

Von der Statue des Kaisers Joseph II. in Wien habe ich Dir wohl noch nichts gesagt. Sooft ich sie sah, ist sie mir zu mager vorgekommen. Doch kann ich mich wohl irren, da ich die Statue des Marcus Aurelius und unseres Kurfürsten in Berlin im Auge habe.

Unsereins kann nur vergleichen. Das Postument ist von dem feinsten grauen Granit.

Den 19. August. Ich kann wohl sagen, daß ich gegen Wien mit einer Art von Furcht befangen gewesen bin. Warum, wüßte ich nicht zu sagen; sonst wäre ich schon längst hier gewesen. Mein Plan war daher, gerade nach Baden zu gehn und von hieraus von Zeit zu Zeit einen Abstecher nach der Kaiserstadt zu machen. Ich glaube mich nicht geirrt zu haben, wiewohl ich zuerst einen halben Monat in Wien gewesen bin. Ich sage dies bloß Deinethalben. Hättest Du einmal Lust, so gingst Du im Monat Mai gerade nach Baden, wo es noch nicht bevölkert ist. Eine Wohnung von drei, vier bis 5 Zimmern kann täglich höchstens 12 Gulden Papier, das ist etwas über einen Dukaten, kosten, alles andere ist bequem, wohlfeil und gut. Nur Fremdes, als Kaffee, Tabak, Tee und dergleichen, ist teuer, und doch kaum teurer als an derswo, und doch auch zu haben. Von hier bis Wien fährt ein Fiaker drei Stunden (es sind 2 Posten); gestern bin ich es in 2 Stunden gefahren und habe dem Fiaker 12 Gulden für hin und her bezahlt. Man kann recht einsam hier sein, wenn man nicht an der Landstraße wohnen will, wo des Fahrens kein Ende ist. Die besten Wohnungen sind: die Straße gegen den Park, die Renngasse, wo ich wohne, und die Alleegasse. Die Bäder sind in der Nähe. Im Frauenbade badet man in Gesellschaft. Im Theresienbade allein, in welches ich jetzt übergegangen bin, weil eine Dusche hier ist. Die Dienerschaft in den Bädern ist gut beaufsichtigt und daher gefällig. Gewärmtes Linnen und was zum Baden gehört habe ich noch nirgend so parat gefunden als hier. Das Städtchen ist im Jahr 1812 abgebrannt und ganz hübsch massiv wieder aufgebaut. Die Umgegend von 1-2-3-4 Stunden ist höchst interessant: Vößlau einfach und angenehm, Schönau desgleichen und noch geschmackvoller, Merkenstein groß und heiter, die Brühl und Mödlingen groß und ernsthaft, Sparbach, Johannisstein ebenso, Laxenburg wahrhaft kaiserlich. Alles, was eine Gegend vollkommen machen kann, hat die Natur hier vereint, so sehr sich die Kunst abgemüht hat, die erste daran zu verhindern.

Den 28. August. Was soll ich denn heute wohl schreiben? Du mein tausendmal gebenedeiter Herzensbruder! Dank sei allen Göttern, daß ich Dich habe und im Herzen trage, wo ich gehe und stehe. Heil und Segen Deinem seligen Leben, Können, Wollen und Wirken! daß es Frucht bringe in Geduld von Geschlecht zu Geschlecht! — Das alles weißt Du besser als ich:

»Du hast mir, wie mit himmlischem Gefieder,
Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;
Du schenktest mir der Erde beste Gaben,
Und jedes Glück will ich in Dir nur haben.«

Den 31. Dann habe ich wieder ein Stückchen gefertigt: »Gleich und gleich«, und magst Du doch hinhorchen, ob wir noch ein Blümchen anhauchen können, das einem Bienchen Appetit macht. Ich bediene Dich, wie man den Göttern opfert, indem man ihnen ihre eigene Gaben darbringt. Nimm, alter Knabe, Mein, was Dein ist, und verkenne es so gern, als es Dein ist.

1. September. Morgen gehe ich ab von hier nach Preßburg, um doch etwas von Ungarn zu sehen, und dann zurück nach Hause. Lange habe ich nicht soviel gelesen als hier in 4 Wochen, da ich mich in eine Lesebibliothek eingekauft habe. Doch auch das habe ich mir zunutze gemacht: bis jetzt hatte ich Stücke von Kotzebue nur spielen sehn. Hier habe ich hintereinander 11 Stücke gelesen, die ich noch nicht kannte, und zugleich viel anderes Dramatisches. Wobei ich endlich stecken geblieben bin, das sind die Trauerspiele von Klopstock. Den »David« fing ich an, es wollte nicht gehn, und ich ging über zum »Salomo«, den ich auch nicht zu Ende gebracht habe. Künftigen Winter soll’s noch einmal angebissen werden, und wenn die Zähne stecken bleiben. Zu solchen Unternehmungen muß man zu Hause sein.

Wien, den 14. September. Vorgestern habe ich Beethoven in Mödlingen besuchen wollen. Er wollte nach Wien, und so begegneten wir uns auf der Landstraße, stiegen aus, umarmten uns aufs herzlichste. Der Unglückliche ist so gut als taub, und ich habe kaum die Tränen verhalten können. Ich fuhr indessen fort nach Mödlingen, wie Er nach Wien. Die Gegend ist unaussprechlich reizend; die Brühl und die noch ziemlich erhaltene Burgfeste des gräflich Liechtensteinschen Hauses wurden näher besehen. Schöne Gobelins, gute alte Hausgerätschaften und wohlerhaltene Bilder der Familie sind betrachtenswürdig.

Das hiesige Burgtheater ist in gutem Stande. Den besten Eindruck machen mir die beiden Eheleute Koberwein und seine Frau, die eigentlich so spielen, wie ich’s gern habe und, wie ich merke, die ändern Leute auch. Madame Schröder habe ich wieder in der »Merope« gesehn, und mein früheres Gefühl über sie hat sich bestätiget. Ihre Intentionen sind die besten, aber es gelingt weniges. Gesicht, Gestalt, Gang, Haltung, Sprache, Ton und Takt, alles kommt anders heraus, als sie will. Die Stimme hat Klang, doch fehlt oft der Atem. Die Tragödie hat ergreifende, ja unwiderstehliche Massen, das Ganze ist eine französische Tragödie, welche nicht die Menschen macht, sondern von diesen gemacht wird.

Jetzt nach meiner Zurückkunft aus Baden, werde ich nun hier erst mit den Sachen bekannt und kann nicht davonkommen. Ich wollte über Salzburg und München zurückgehn, und davon wird also nichts werden, und so denke ich Montag von hier ab gerade auf Prag und Dresden zu gehn. In Wien kann man alles finden, nur keine lange Weile. Wer sich hergeben will, findet die wahre Menschheit. Man kann’s riechen. Alles ist haußen; die größte Verwirrung und durchaus ohne Verirrung. Jeder weiß, wo er hingehört, was er will, was er soll, was er muß, und das einen Tag wie alle Tage, im Hause, auf dem Markt, im Prater, der Spektakel nimmt kein Ende; es ist wie in einer Mühle: man merkt, man hört und sieht alles und nichts. Nur heut ist heut, und so geht’s durchs Leben. Die Bevölkerung ist unendlich: viele geistliche Orden, alle Nationen, alle Frauen, alles, alles; alt und jung ist überall; man weiß nicht, wo die Menschen alle herkommen, hingehen, und doch geht jedes seinen Gang. Die Kirchen sind den ganzen Tag voll. Sonnabend war das Leopoldstädter Theater so angefüllt, daß man die Füße nicht setzen konnte. Es ward eine Farce gespielt: »Die falsche Primadonna«, welche der Ignaz Schuster höchst manierlich darstellt. Hinter mir saß eine Frau mittlern Alters mit ihren Kindern, welche sagte, sie sähe das Stück schon zum fünften Male.

Das Burgtheater ist erst diesen Monat (eines Baues wegen) wieder eröffnet worden. Hier habe ich meine alte Idee realisiert gefunden: das Orchester so tief zu machen, daß man die Flausköpfe der Musiker nicht sieht und die Musik, welche hier lange nicht so gut wie in Weimar organisiert ist, klar und deutlich heraustritt. Ich kann mir nichts Unanständigeres von einer Bühne denken, als wenn man stundenlang durch die verruchten Haarbüsche der Vorstehenden die schönen Gestalten der Menschen in Prachtkleidern und alles, was eine gute Dekoration ausmacht, hin- und herschwanken sehn soll.

Den 15. September. Gestern habe ich Grillparzer kennen lernen. Ein 26 jähriger, wohlgewachsener, stiller, aber kränklicher Mensch, der den besten Eindruck macht. Wir fuhren miteinander über Land und waren hübsch zusammen. Der alte Abt Stadler war mit, ein heiterer und geistreicher Gesellschafter, und erzählte manches vom kleinen Napoleon, auf den der Kaiser alle väterliche Huld verwendet.

Er ist jetzt ohngefähr 8 Jahr alt und fand schon vor 4 Jahren seine größte Lust an Soldaten, die ihn dafür wieder gern haben. Er erfindet lange Geschichten und erzählt sie seiner Umgebung, von denen Eine eine ernsthafte Untersuchung veranlaßt hat, und nachher lacht er sie alle aus. Mit Weibern und Kindern verträgt er sich nur sehr kurz und lernt gern Sprachen. Letzthin frägt er den Kaiser: »Wo ist denn mein Vater?« — »Dein Vater ist eink’sperrt.« — »Warum ist er denn eink’sperrt?« — »Weil er nicht gut k’tan hat, und wenn du nicht gut tust, wirst halt auch eink’sperrt.«

Zu den von mir täglich bewunderten Stücken gehört die Kirche zu Maria Stiegen in der Passauer Gasse. Sie ist über neun Jahrhunderte alt und in der Mitte des 12. Jahrhunderts vergrößert, das heißt: verlängert worden, wodurch das Schiff eine Schlankheit erhalten hat, die keinesweges verunstaltend ist. Aber das Ganze, wie es jetzt ist, macht sich, als wann es in einem Tiegel gegossen wäre. Die Arbeit ist so sauber und tüchtig gemacht und versetzt, daß kein Anfang und kein Ende zu sehn ist. Der Turm ist siebeneckig, etwas über 200' hoch und läßt sich bequem bis ganz oben besteigen. Der oberste Aufsatz ist wie eine Bischofsmütze, ganz hohl und dabei so stark und zierlich durchbrochen wie ein Feenschloß; die Luft scheint es zu heben. Das Eisen ist umfassend und geht nicht in den Stein, und auch dieses ist so genau nach Stärke und Haltbarkeit abgemessen, als wenn’s von einer Spinne hineingesponnen wäre.

Den 16. Gestern im Burgtheater war »Nathan«. Orientalische Pracht an Dekorationen und Kleidern, gute Schauspieler, alles vollkommen eingelernt, rasche Folge der Akte, ein gut gestimmtes zahlreiches Publikum, alles dies war nicht hinreichend, das Stück zu sich selbst zu bringen. Von den Schauspielern war nicht einer an seiner Stelle, und das Stück war aus, ehe einer hineingekommen war. Die Veränderungen der Zensur konnten mir nicht gefallen: aus dem Patriarchen ist ein Komtur worden, und in der Geschichte vom Ringe ist statt des Glaubens und des Gesetzes eine Wahrheit erschienen. Das Stück ist an sich schon auf den Glauben gespannt, da ich nicht weiß, wie wir ohne ihn die Treue halten wollen; hiedurch wurde es nun, ich möchte sagen: rhombisch; alles Gerade wurde spitz oder stumpf. Der Patriarch ist doch wenigstens ein animoser Schuft, an dem der Glaube zweideutig ist; der Komtur nimmt sich aus wie ein Goldschmied, der Schuhe machen will. Sentenzen von der Art: »Was ist für einen Großen denn zu klein?« fehlten.

Aber die Schauspieler überhaupt können wahrhaft geistige Stücke nicht mehr zusammenbringen; das habe ich auch in der »Merope« und sonst in Berlin bemerkt, und hier erscheint der unselige selige Kotzebue als der Wurm, der die dramatische Kunst durch und durch gefressen hat. Ich bin jetzt viel gelinder gegen ihn gesinnt als ehemals, aber es fällt mir jetzt immer mehr auf, wie den schlechten Schauspielern alles Kotzebueische gerät und des Eindrucks nie verfehlt.

Den 17. Um nicht im Irrtum über eine berühmte Künstlerin von hinnen zu gehn, habe ich soeben Madame Schröder als Elisabeth gesehn. Kannst Du Dir nun diese Königin als eine Frau vorstellen, die sich alle Augenblicke zurechtheben muß, den Kopf nicht festhalten kann, ohne Augensprache, ohne sinnige Gradation und ohne geschickte Arme, so hast Du Madame Schröder. Im Zustande der Ruhe zerrt und in der Leidenschaft poltert sie, und nun bin ich mit ihr auf immer fertig; denn jünger wird sie nicht werden, und wachsen wird sie auch nicht mehr. Maria Stuart ward als Gastrolle von Madame Klingemann aus Braunschweig wie eine Leichenpredigt abgelesen. Das Haus war ganz gefüllt, der Eindruck kalt, bei der größten Hitze. Nach der Szene, in welcher die Königin mit der Stuart zusammentrifft, ging ich und aß einen Rostbraten, der mich wieder versöhnt hat mit der Welt.

Gestern habe ich endlich den »Diwan« hier ganz fix und fertig angeschafft und sogleich noch einmal ganz durchgelesen. Er kostet hier beinahe 4 rh. Sächsisch, die ich gern bezahlt habe, da ich glaube, daß Herr Cotta auch Dich gut honoriert. Da hast Du den Bibelreutern einmal wieder einen Pfahl eingeschlagen, woran sie lang wackeln können, um ihn auszuheben.

Von der Schönheit der griechischen Frauen, welche man hier nicht selten sieht, wäre viel zu sagen: es ist das Edelste, was meine Augen gesehn haben. Die vollkommenste Klarheit der Karnation, Gliederbau, Embonpoint, Portement — alles das sind Worte, man muß es sehen. Und Augen — ja da kriegt man erst Augen. Dafür sehn denn die Kerls aus wie große Spanferkel. Daß solch ein Kerl solch ein Weib unter sich haben soll! —

Meine Wirtin, ein tüchtig[e]s Weib, findet seit einiger Zeit jeden Morgen, wenn sie ihre Kuh melken will, die Zitzen leer. Da das Tier gesund ist, so muß Dieberei im Spiele sein: es wird von außen aufgepaßt und nichts gefunden als die leeren Zitzen. Um hinter die Wahrheit zu kommen, verstickt sie sich selber im Stalle und sieht: die Kuh springt über eine 3 Fuß hohe Wand, um ihr abgenommenes Spankalb zu säugen, und begibt sich nach geschehener Arbeit wieder auf ihren Posten.

Du hast die Seele von Mirons Kuh gefunden und ich die Kuh selber; sie lebt heutigen Tag noch, sie ist unsterblich.

Die Geschichte ist zwar überall zu Hause, doch will ich nur sagen, daß ich eben in Prag bin, im »Rosse«. Der Wirt heißt Hübsch, die Frau ist hübsch, und das Stubenmädel war hübsch; denn die Wiener Gasthäuser sind in diesem Punkte viel weniger als hübsch.

Da ich immer mit Deinem Kalbe pflügen muß, so führt mich der Anblick dieser Stadt auf die Fruchtbarkeit des Glaubens, wovon die hiesigen Kirchen und fromme Stiftungen ein redendes Zeugnis geben. Gestern (den 25.) habe ich die Schloßkirche auf dem Hradschin und die Sankt-Nikolauskirche gesehn. Es mag sich mit dem Geschmacke verhalten, wie es will, so steht hier das Kleine und Kleinliche neben dem Überkolossalen so ruhig und fest wie die Sterne gegen das Universum. Die Zunge des heiligen Johann von Nepomuk, welche der Schlächter jedesmal frisch liefert (und das mit Wissen des Volks), verträgt sich aufs beste mit den 15' hohen Kolossen der Kirchenväter, welche in Sankt Nikolaus aufgestellt und nicht ungeschickt gebildet sind. Der Unglaube selbst will glauben, und kurz: alle Sicherheit des Daseins beruht auf dem Bestreben, seinen Irrtum wahrzumachen. So hat Phidias den Gott erschaffen, so glauben wir alle daran — und so allein sind wir frei und abhängig zugleich.

Das Lustspiel ist hier, ich möchte sagen, sehr gut besetzt, und die Leute sind eingespielt; ich habe zwei Stücke gesehn, die gut gingen. Seit Liebichs Tode freilich riecht’s auch hier nach Anarchie. Die Musik ist fast zu schlecht. Der erste Violinist scheint zwar nicht untätig und läßt die ändern nach sich stimmen, er scheint aber nicht zu bemerken, daß die Herren keine reine Saiten haben. Wer rein spielt, braucht gar nicht zu stimmen. Die Contreviolons summen und brummen, ohne die gehörige Anzahl Violoncelle bei sich zu haben, und

Somit Gott befohlen aus Dresden, 1. Oktober 1819.

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