07.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 11.02.1820 (332)



332. An Goethe 11.02.1820

Berlin, den 11. Februar 1820. 

Schönen Dank für den schönen »Diwan«! Der ist wie der gestirnte Himmel: je länger ich ihn betrachte, je klarer werden mir seine Bilder, und so ich ihn wieder ansehe, ist mir alles neu und frisch.

Das schöne rote Kleid mit Golde hat mich sogleich kräftiger angeregt, auch nach meiner Art daran zu putzen. So habe ich gleich nach Empfang des Bandes zu dem Gedichte: »Wiederfinden« (Seite 168) Noten gesetzt, worin Du Dich und Deinen Hafis wiederfinden magst.

Sobald alles fest und rund daran ist, soll es nach Weimar wandern; vor der Hand soll sich erst Langermann damit zu schaffen machen, mit dem freilich jetzt nicht viel anzufangen ist, da er Tag für Tag an sich doktert und flickt, wozu noch kommt, daß sie ihn in das Zensurwesen verwickelt haben.

Isegrim ist mausestill über dem »Diwan«, und ich glaube, er neidscht Dich, daß Du Dich in diese uralte Literatur tauchst, unterdessen er an längst geleerten Eierschalen knabbert und darüber mit seinem schönen Talente zu nichts kommt. Die »hohlen Masken« haben ihm gewiß ein kleines Ochsenfieber gemacht; aber wenn er wieder zu mir kommt, will ich ihm doch das Gedichtchen recht pathetisch vorlesen. Übrigens scheint er sich jetzt etwas sicherer zu halten, indem er sich von keiner Seite und Sekte hat aus sich heraus vexieren lassen, und hierin, wie in manchem ändern Punkte, habe ich ihn immer gern gehabt.

Den 19. Dein Heftchen »Kunst und Altertum« kommt soeben an, und da ich heute außer der Stadt bin, so geht es zuerst zu Langermann. Alles freut sich darauf, und ich will morgen meinen Sonntag damit feiern.

Meine Dora, Deine tiefste Verehrerin, hast Du durch das überschickte Gedicht aus aller Fassung gebracht; sie wollte Dir schreiben und danken und vielleicht schon zehn Briefe angefangen; lassen wir ihr Zeit nachzukommen.

Vorgestern ist hier ein Stück des Calderon zum ersten Male, nicht zum allerbesten, gegeben worden: »Der Arzt seiner Ehre« — groß und furchtbar.

Sonnabend, den 26. Lebe wohl! ich muß nur machen, daß der Brief fortkommt, sonst bleibt er noch länger liegen.

Das Liedchen der Suleika Seite 166 habe gestern in Musik gesetzt, und nach etlichen Tagen wollen wir’s wieder ansehn. Die kleinen Spaziergänge im »Diwan« bringen doch etwas an Tag.

Dein

Z.

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