2016-08-28

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 01.02.1822 (383)



383. An Goethe 01.02.1822

Berlin, 1. Februar 1822. 

Hier sende nun endlich die Polidors durch angenehme Gelegenheit, wenn Fräulein Huldreich nun einmal nicht länger die Lust meines Hauses sein soll. Wüßte ich nur, was das Gedränge soll! Denn das teure Kind hat von Berlin soviel wie nichts gesehn, weil es, solange wir zurück sind, kaum einen erträglichen Tag gegeben hat.

So nehmt denn, ihr Abgünstigen, was ihr nicht länger missen wollt, und laßt euch das hundertfache Nichts erzählen, womit wir den Winter verjagen.

Über die Polidors, die Du zu eigen behältst, wünschte zu wissen, was ich hier nicht erfahren konnte und freilich auch nicht die Rechten gefragt habe.

Die Hoffnung, Dich zu sehn, hat sich wieder erwärmt. Man meint, Du schicktest Deine Cherubim voran, die Stätte zu bereiten. Fräulein Ulrike soll Dich herbogsieren.

Der Unfall oder Umfall des Grafen Brühl hat manchen Schaden getan, doch hat Ulrike das Interessanteste in beiden Theatern gesehn und gehört.

Ein höchst närrischer Kerl von Komikus spielt hier in einer Posse: »Staberl«, nach Wiener Volksart, zur großen Zufriedenheit von jung und alt. Das Stück sagt gar nichts: Staberl reiset als Bedienter mit seinem Herren, den er für einen Engländer und zugleich für ein Frauenzimmer hält, von Wien nach Frankfurt am Main. Hier entstehn durch die Geschwätzigkeit des Staberl die sonderbarsten qui pro quo, die durch ein leichtes Spiel, eine trockene, aber heitere geläufige Sprache und die tollsten Lazzi bis ans Ende unterhaltend gefunden werden.

Da ich mich meistens im Orchester aufhalte und von hieraus Gelegenheit habe, den unverstellten Eindruck des Spiels auf der Oberfläche der Zuschauer zu beobachten, so habe denn abermalen wieder bemerkt, wie dieser Schauspieler, welcher Walter heißt, durch nichts anders als sein unverfälschtes Naturell den wohlgefälligsten Humor auf die ernsthaftesten Gesichter schrieb; selbst die mitspielenden Personen erschienen nur lebendig, wenn sie vor Lachen kaum spielen konnten.

Das Hamburger Fleisch wird hoffentlich eßbar gewesen sein. Ihr müßt mir in diesem Stücke hübsch aufrichtig sein, denn ich habe einige Male nicht das beste gehabt und es doch so bezahlt.

Hätte man gewußt, daß ein solcher Philisterwinter kommen sollte, so hätte man die Sache mit den Dessertweinen wagen mögen. Nun sind wir noch unsicherer und erwarten den hinkenden Boten.

Für die Abschrift des frommen Kaysers danke schönstens. Auf das nächste Heft von »Kunst und Altertum« freue ich mich schon, vergiß aber auch nicht, mir ein vollständiges Stück »Morphologie« mitzusenden; die Bogen von Seite 240 an bis 320 haben mich so vorbereitet, daß nun das Ganze mit Ungeduld erwarte. Sie halten sich ganz sicher und sehen ihre Sache als durchgefochten an, wenn auch bei einigen der mathematische Grund etwas locker geworden ist.

Sonnabend, den 2. Februar. Diese Nacht ist Geheimer Rat Wolf in Feuersgefahr gewesen. In seinem Hause ist Feuer entstanden, das ich aus meinem Fenster sehen konnte, doch viel weiter entfernt hielt. Er wohnt hoch und hat eine enge unbequeme Treppe; indessen ist alles für ihn ohne Gefahr und Schaden abgegangen. Ich habe ihn schon oft genug gewarnt, nun wird er wohl nicht mehr lange darin verharren. Soeben schickt er mir ein neu auf Kupfer gemaltes Bild von sich, worüber er mein Urteil verlangt. Das Bild ist beinahe lebensgroß, ohne Hände, ähnlich und reinlich gemalt und gut gezeichnet. Stirn, Augen, Nase und Mund sind wirklich schön.

Fräulein Huldreich will nun in diesem Bilde durchaus nicht den rechten Mann erkennen, dem sie eben nicht zugetan scheint.

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