12.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 14.06.1820 (349)



349. An Goethe 14.06.1820

Berlin, den 14. Juni 1820. 

Da ich immerfort Dich in Gedanken habe und mir Dein Weben und Leben wie ein Faden, wie eine schwingende klingende Saite vor der Seele schwebt, so sprang mir das »Nepomukehen« sogleich entgegen: ich fand mich in Prag auf der Schützeninsel, die schöne Brücke vor mir, dazwischen den sanften Strom, der tausend Schiffchen mit hellen Kerzen trägt; das Frohlocken der Kinder, das Gebimmel und Getön der Glocken und der ruhige Gedanke, daß mitten in dem poetischen Wirr- und Irrwesen die Wahrheit ruht wie ein schlafendes Kind — und das Stückchen stand vor mir.

Stelle ich mir nun noch vor, wie Du eben bei den Sängern stehst und sie nicht eher davon läßt, bis sie den Saft heraushaben, so genieße ich Deinen Dank wie eine selbstgewonnene Frucht und verstehe auch mich, wenn ich denken darf, Dich zu verstehn.

Dank also für Deinen Brief aus Jena vom 7. dieses, der gestern abend angekommen war; liegt doch in solcher Wechselwirkung nur allein Leben und Lebenslust.

Was Deine Anherkunft anlangt, so sehe recht gut ein, ja es schmerzt mich, Dich in einer Existenz gestört zu sehn, die unter den möglichen vielleicht die behaglichste für Dich ist. Jedoch uns wäre es nicht zu verdenken. Und wer uns nicht geradezu mit ungünstigem Auge sieht, wird finden, wie sich unser Boden selbst bessert, indem manches Wurzel schlägt, denn, was das Bestreben anlangt, wir in keinem, was nachher als gut erkannt worden, die Letzten gewesen sind. Betrachte ich endlich, was eine Gegenwart für eine Wirkung ins Unendliche haben und geben kann — das können Bücher und Lesen wenigstens so gut nicht wirken. Was wäre ein Krieg, wo keine Partei vorrückte, und was ein Friede, wenn niemand eine Heimat hätte?

Fürst Radziwill geht nun wieder in seine Statthalterschaft, und unsere Faustiade ruht nun wieder, um langsam nachzubrodeln. Ich selber habe dabei nichts zu tun, als daß mir dann und wann ein Wort vergönnt ist, wenn ich nicht noch zuletzt daran komme, die rote Feder zu bewegen, um einige Flatschen wegzustreichen. Denn da alles einzeln entsteht, so ist es kein Wunder, wenn sich manches vereinzelt.

Über meine Reise zu Dir hast Du Dir durchaus keine Gedanken zu machen, die ein bloßer Gedanke in spe ist. Ich will nur wissen, wo Du immer bist, um mir Deine Zustände gegenwärtig zu erhalten, und das ist alles. Verzeih es mir, ich kann’s nicht lassen.

Freitag, 16. Im Namen des Herrn Professor Tölken soll ich Dir die anliegende Rede unseres Rafaelfestes zusenden, der sich vielleicht noch selbst an Dich wendet.

Sage mir doch, in welcher Beziehung Paulus und Magdalena mit der heiligen Cäcilia stehen, wie sie nämlich auf dem Bilde des Rafael abgebildet sind. Daß sie die Musik vom Himmel nicht hören, ist gewiß, weil sie sie hier nicht hören sollen; denn die heilige Cäcilia ist eben deswegen die Hauptperson des Bildes, weil sie die Musik allein hört. Ob nun Paulus und Magdalena etwa zu dem lieben Gute gehören sollen, was hier auf der Erde herumliegt, oder — und so weiter.

Zur Belohnung Deiner Auflösung sende anbei aus unserm Kabinette einige künstliche Naturalien, wenn du etwa diese Dinger so gern speisest als ich; der Sohn eines Freundes hat sie aus Sevilla gesandt, woher sonst in den letzten Tagen nichts Genießbares zu kommen pflegte.

Vale! Sonnabend, 17. Juni 1820. Z.

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