2016-08-25

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 13.10.1821 (377)



377. An Goethe 13.10.1821

Berlin, 13. Oktober 1821. 

Halte mich, mein Geliebtester, nur nicht so vornehm beschäftigt, daß mir keine Zeit zur Korrespondenz mit Dir bliebe. Ich teile weniger, als Du glauben magst, ein gewisses Mitlaufen, und was mir vorkommt, ist selten mir so wert, daß ich mir deswegen die Finger mit Tinte beschmiere.

Manches muß man denn wohl mitmachen, und da mag’s immer besser sein, mit zugrunde gehn, als allein schlecht enden.

Was die Musik anlangt, so ist freilich unser Sündenleben damit so unnatürlich wie möglich, und da darf man auch nicht allzuweit entfernt sein, um mitzulernen, was alle längst wissen; auch macht es mir wohl Spaß, meine Stupidität anerkannt zu sehn. Dabei wird jedoch der gewohnte Schritt verfolgt, und mancher wird mitgenommen, der selber nicht weiß, ob er will.

Unsre Stadt ist diesen Herbst wie ein grünender Baum, dem die lieblichsten Zug-, Schlag- und Singvögel zu- und abfliegen. Sänger, Pfeifer, Geiger und so weiter formieren sich aufs natürlichste zu einer queue, wie Lämmer geduldig, mit Noten, Geigen, Flöten, Klarinetten unterm Arme, um einander, wo nicht zu übertreffen, doch zu überbieten, und da wir reiche Leute sind, so geben wir auch so: viel für wenig und umgekehrt.

Am Donnerstage hat Boucher abermalen das nächste seiner letzten Konzerte bei vollem Hause gegeben. Dafür ist Berlin sein Athen, es kann ihm aber auch zu Haus und Hof kommen wie der Catalani; denn was uns recht gefällt, finden sie andernorts gern abscheulich.

Dein Brief vom 14. Oktober ist gestern den 20. angekommen. Auch ich habe diesen Tag nach meiner Weise mit ähnlichen Betrachtungen gefeiert, die man wohl jährlich wie ein Gedächtnismal wiederholt, wäre es auch nur, um die Zeit mit der Zeitung zu vergleichen.

Herr Rellstab ist der Sohn eines alten Schulfreundes und hat den Militärdienst verlassen. Seiner guten Mutter bin ich besonders bei ihrem Leben hold gewesen, und darum ist mir’s lieb, daß er in Deinem Hause gute Aufnahme gefunden hat.

Herr Nägeli hatte sich völlig darauf gespitzt, daß mich seine Ausgabe meiner Lieder höchlich erfreuen sollte, und kann sich nicht genug wundern über meine Unverschämtheit, die vielen Druck- und Dreckfehler darin nicht zu billigen. Von dem Bildnisse habe ich die Satisfaktion, daß die Leute mich besser aussehend finden; das kann man denn doch nicht übelnehmen.

Daß Du meine Emendationen wieder zurücktust, hat meinen vollen Beifall. Man hat auch gute Freunde, denen man eins auswischen möchte, und da gleiche Ursachen gleiche Wirkungen haben können, so ist Übermut aus Übermut entstanden. Meine Gelegenheit war mir dabei so gelegen, daß ich ohne diese Gelegenheit nicht gewußt hätte, wie ich die Verse notieren sollen, was ich doch wollte. Ich bin eine Art von Botanikus, der schöne ausländische Pflanzen auf seinen Boden bringt, und wenn beides dadurch nicht besser wird, so merkt man am Dritten, welchen Wert das Element hat.

Wollte mich auch als Dichter beweisen 
Und meine Helden rückwärts preisen.

Da läuft schon wieder der Emendator mit dem Poeten ins Freie.

Meine schöne Schülerin, wie Du sie nennst, werde ich hoch erfreuen, da Du ihrer so schön gedenkst. Sie und die Mutter sind die Besten ihres Stammes und, wie mit Fluch beladen, rechte Kreuzträgerinnen. Vielleicht spricht sich’s einmal darüber.

Dein Schubarth soll nicht gescholten werden, wenn er kommt. Sein Buch hat mir Freude gemacht. Er wird schon längst erwartet, doch meines Wissens ist er nicht hier.

Über das Theater gelegentlich; denn wie ich oben zu verstehn gegeben, huldige auch ich der Göttin Gelegenheit und ärgere mich, wenn ich sie versäume. Da fällt mir Boucher ein, Boucher ist der Sohn des Tages. Wer ein Konzert voll haben will, muß den Boucher dabei haben, sonst lassen sie Gesotten und Gebraten stehn. Er kennt die Welt und hat ein Gemüt, sollte es auch ein französisches sein. Er hat in der Tat etwas Moralisches getan, den angeflogenen aufgelogenen Nationalhaß zu verschleifen; denn: dämagogisch gesprochen, möchten wir alle in guten Stunden gern leichteres Blut haben, weil wenigstens ich sonst nicht wüßte, wo mir aller Appetit zum Weintrinken herkommt.

Da bin ich im Schwatzen auf die 4. Seite geraten, und Briefe wirst Du gewiß mehr haben als Zeit, sie alle zu lesen; so lies denn das letzte allein: Ewig Dein Getreuster! 

Z.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de