10.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 11.05.1820 (340)



341. An Zelter 11.05.1820

Nach Abgang des Blattes am 3. Mai fahre sogleich fort. Da Du Deine Wohnung veränderst, so melde, wohin du ziehst, damit man Dich auf dem Berliner Plane, den meine Kinder gar oft produzieren, auch wieder suchen und besuchen könne.

Ich glaube gerne, daß Du in der bewegten Stadt sehr zerstreut wirst; alles macht Forderungen an den, der etwas vermag, und darüber zersplittert er sein Vermögen; doch verstehst Du gar wohl, Dich wieder zusammenzuhalten. Möge mein »Diwan« Dir immer empfohlen bleiben! Ich weiß, was ich hineingelegt habe, welches auf mancherlei Weise herauszuwickeln und zu nutzen ist. Eberwein hat einige Lieder gesetzt, sage mir Dein Urteil darüber. Deine Kompositionen fühle ich sogleich mit meinen Liedern identisch, die Musik nimmt nur, wie ein einströmendes Gas, den Luftballon mit in die Höhe. Bei ändern Komponisten muß ich erst aufmerken, wie sie das Lied genommen, was sie daraus gemacht haben.

Unter den Eberwein’schen hat das eine:

pp. »Jussufs Reize möcht’ ich borgen,« pp. 

mich und andere besonders angesprochen (wie sie es heißen). Die Frau trug sie recht gut, fließend und gefällig vor.

Indessen sammeln sich wieder neue Gedichte zum »Diwan«. Diese mohammedanische Religion, Mythologie, Sitte geben Raum einer Poesie, wie sie meinen Jahren ziemt. Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdetreibens, Liebe, Neigung, zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale geläutert, sich symbolisch auflösend. Was will der Großpapa weiter?

Wunderlich genug, daß jener von mir selbst aufgegebene und vergessene »Prometheus« grade jetzt wieder auftaut. Der bekannte Monolog, der in meinen Gedichten steht, sollte den dritten Akt eröffnen. Du erinnerst Dich wohl kaum, daß der gute Mendelssohn an den Folgen einer voreiligen Publikation desselben gestorben ist. Lasset ja das Manuskript nicht zu offenbar werden, damit es nicht im Druck erscheine. Es käme unsrer revolutionären Jugend als Evangelium recht willkommen, und die hohen Kommissionen zu Berlin und Mainz möchten zu meinen Jünglingsgrillen ein sträflich Gesicht machen. Merkwürdig ist es jedoch, daß dieses widerspenstige Feuer schon fünfzig Jahre unter poetischer Asche fortglimmt, bis es zuletzt, real-entzündliche Materialien ergreifend, in verderbliche Flammen auszubrechen droht.

Da wir aber einmal von alten, obgleich nicht veralteten Dingen sprechen, so will ich die Frage tun, ob Du den »Satyros«, wie er in meinen Werken steht, mit Aufmerksamkeit gelesen hast. Er fällt mir ein, da er eben, ganz gleichzeitig mit diesem »Prometheus«, in der Erinnerung vor mir aufersteht, wie Du gleich fühlen wirst, sobald Du ihn mit Intention betrachtest. Ich enthalte mich aller Vergleichung, nur bemerke, daß auch ein wichtiger Teil des »Faust« in diese Zeit fällt.

Nun zu der Witterung als einem Haupterfordernis der Reise- und Badetage. Die obere austrocknende Luft hat gesiegt, alle Wolken sind verschwunden, der heutige Himmelfahrtstag ist ein wahres Himmelsfest.

Im ganzen tut einen sehr angenehm-bemerkbaren Effekt der bei einem so hohen Sonnenstand weit zurückgehaltene Frühling. Es ist, als wenn bei ihrem Erwachen die Bäume verwundert wären, sich schon so weit im Jahre zu befinden und von ihrer Seite noch so weit zurückzusein. Mit jedem Tage eröffnen sich neue Knospen, und die eröffneten entwickeln sich weiter.

Sehr lieblich ist es daher, gegen Sonnenuntergang die Prager Straße hinabzugehen. Alle unbelaubten Bäume, bisher unbemerkbar, wenigstens unbemerkt, werden nach und nach sichtbar, wie sie ihre Blätter entfalten und, von dem Sonnenlicht vom Rücken her beschienen, als völlig durchscheinend in ihrer eigentümlichen Form dargestellt und kenntlich werden. Das Grün ist so jung, gilblich und völlig durchsichtig. An dem wachsenden Genuß kann man sich gewiß noch vierzehn Tage ergötzen. Denn selbst zu Pfingsten wird das erste Grün noch nicht völlig entwickelt sein. Der Tag wächst, und so ist alles schön und gut. Möge das Schönste und Beste Dir gegönnt sein!

Karlsbad, den 11. Mai 1820.                G.

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