2016-08-12

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 18.06.1820 (350)



350. An Goethe 18.06.1820

Berlin, 18. Juni 1820. 

Wenn ich Dir gestehe, in den Memorabilien meines Wiener Aufenthalts, die Du mir in sauberm Quartbändchen abschriftlich zugesandt hast, fast täglich zu blättern, so habe ich zugleich einen neuen Respekt gegen ein gebundenes Buch überkommen. Sonderbar genug, daß eins und dasselbe im ändern Kleide, indem es zu höhern Erwartungen auffordert, auch in der Tat damit einen ändern Eindruck macht.

Damit nun die frischen Abdrücke einer neuen Gegenwart mich nicht überherrschen, benasche ich hinterher des alten Nicolai Wiener Reise, wodurch alles wieder in natürlich -prosaische Falten tritt, Land und Leben zu Wasser und die große Donau zur Steppe wird.

Das Buch ist jedoch, wenn nicht wegen Gründlichkeit, doch in seiner weitschweifigsten Vollständigkeit zu loben, wovon sich die Weltreorganisierungslust des literarischen Gliedermanns leicht subtrahieren läßt, und solltest Du wirklich noch einmal nach Wien verschlagen werden, so rate ich, die Nicolai’schen Bände nicht zurückzulassen, da sogar der schmutzige Plan viel vollständiger ist als der, den mir Artaria für 8 fl. auf schönem Papiere lustig illuminiert verkauft hat, doch nicht bis an die Linien der Stadt geht, ja nicht einmal den Prater enthält.

Da ich diese 12 Reisebände, welche mir der gute Verfasser eingebunden geschenkt hat, schon über die 20 Jahre besitze, ohne sie gelesen zu haben, so ist mir dabei eingefallen, wie Du einmal bemerkt hast, welchen Dank ein Schriftsteller von verschenkten Exemplarien hat.

Den 25. Juni. Ein junger Schauspieler namens Wiedemann, den sie vor kurzem angenommen haben, läßt ein hübsches komisches Talent blicken. Vergangene Woche haben sie eine Farce gegeben, die ich in Wien gesehn habe: »Die falsche Primadonna«, worin er sich ausnehmend vorteilhaft zeigt.

Auch den »Jurist und Bauer« haben sie wieder aus dem Sande heraufgescharrt. Das Stück ist wie ein Schiffszwieback aus dem amerikanischen Kriege, es will sich nicht brechen noch beißen lassen.

Eben lese ich »Schröders Leben« von Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer und bin bis inmitten des zweiten Teils vorgerückt. Das Buch ist eine Art von Chronik und muß Theaterleuten interessant sein, wiewohl auch ich es mit Genuß durchgehe, da ich Schrödern in frühsten Jahren habe spielen sehn. Damals waren mir freilich die Stücke selbst alles, und auf die Schauspieler merkte man nur, wenn gefehlt ward.

Den besten Unterricht über Schröder geben seine Tagebücher, die zum Teil wörtlich abgedruckt sind, und da scheint er mir neben Iffland zu stehn, vielleicht etwas höher.
Einsicht in die Theaterwirtschaft, -Zucht und -Polizei scheinen besonders seine Tätigkeit belebt zu haben.

Daß ein Theater geradezu auf Sittlichkeit wirken soll, indem es nur Anstößiges vermeidet, scheint mir etwas medizinisch zu sein und einen nicht ganz gesunden Zustand vorauszusetzen. Sinnlichkeit zu veredeln, muß Sinnlichkeit herrschen, und das hat wohl keiner besser verstanden als Shakespeare; dabei mag’s vor der Hand sein Bewenden haben.

Den 30. Juni. Den zweiten Teil des Buchs habe ich mit Vergnügen nun ganz ausgelesen; es muß ein braver Mann gewesen sein.

Daß unser Satyros nach Kolberg gewandert ist, wirst Du wohl erfahren haben, und der Einsiedler, den er steinigen und ihm das Schmalz abzapfen wollte, ist bis daher gerechtfertigt.

Auch wollten sie dem kleinen Hermes auf den Ast treten, er muß sich aber wohl herausgeredet haben, wenn geborgt geschenkt ist.

So ernsthaft die Sache ist, so hat sie auch wieder ihre komische Seite, da die Herren hüben und drüben gar nicht merken, wie ihr moralisch-politisches Treiben abgedroschne Philisterei ist, indem sie vertreiben, was sie erschaffen, wenn nicht ein Messias kommt, der sie alle zusammenschmeißt.

Den 6. Juli. Der Flötenspieler Lobe aus Weimar hat sich gestern auf unserm Theater mit großem Beifalle hören lassen, den er auch ganz verdient. Eine reine Tonleiter durch das ganze Instrument, mit der größten Fertigkeit verbunden, wird bewundert, und auch seine eigene Komposition hat Gedankenfülle, welche nur noch die Kraft erwartet, die sich wohl auch anfindet, wenn sich das Fingergeschlecht hinlänglich wird ausgearbeitet haben.

Das Schauspiel, zwischen dessen 4 Akten er sich hören ließ, ist ganz neu von der Frau v. Weissenthurm und heißt: »Das letzte Mittel«. Eine wahre Komödie von und für Komödianten, die mit vollen Händen — nichts geben. Hübsche Worte, artiger Witz, leichtsinniges Gespräch winden sich um eine Art von Intrigue zweier Liebespaare, nicht unschuldig, nicht strafbar, nicht zu loben, nicht zu schelten, und 2 V2 Stunden sind glücklich weggeschmissen.

Madame Schoppenhauer will diesen Brief mitnehmen. So lebe denn wohl, mein Herzallerliebster, und laß von Dir hören! Hier sagt man, Du gingst nach Löbichau — da kommst Du freilich unter lauter Poeten.

Dein

Sonnabend, 8. Juli 1820. Z.

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