2016-08-13

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 20.09.1820 (355)



355. An Zelter 20.09.1820

Nun, das sieht nun doch einmal nach etwas aus! Ich verlasse Dich Champagnergesundheit anstoßend mit der unwiderstehlichen Fürstin, und jetzt erblick’ ich Dich auf der salzigen Wogenbreite im Begriff, den schlechtesten Soff hinunterzuschlucken, welchem kein Prosit zu rufen ist.

In unserer Jugend haben wir auch solche Streiche gemacht, mit heiler Haut ohne Zweck und Not uns in Gefahr zu stürzen; dem Kaufmann soll man nicht übelnehmen, dergleichen zu unternehmen, aber auch uns nicht. Du hast durch die Tat bewiesen, daß noch einige Jugend in Dir stickt, und einen großen Gewinn als Mensch und Musiker erworben.

Daran laß uns nun genügen, wie Dir denn der Spiegel Deiner Reisefahrt abermals auf klarem Papier, von sauberer Hand, nächstens entgegenleuchten soll.

Mich, den mittelländischten Menschen, haben indeß die besten Wallfahrer auf meinen Höhen besucht. Die vier Berliner können manches erzählen und vorweisen. Was alles aus diesen bewegten Bemühungen werden soll und kann, möchte sich schwerlich Vorhersagen lassen.

Im ganzen haben mir die vier Freunde durch Gegenwart und Erzählung, durch Tun und Reden die Turbulenz einer sehr großen Stadt gar lebhaft und erfreulich zur Einsiedelei gebracht. Es klingt manches nach, das sich heilsam bei mir ausbildet.

In der Zeit aber, da Du als Odysseischer Vagabund Dich erfrechtest, auf dem schwarzen gefährlichen Rücken des Meeres zu reiten, hab’ ich mich stille zu Hause gehalten und werde Dir einige Hefte Zwieback, aber nicht von der Schiffsorte, zusenden können; daran magst Du Dich in den leider schon hereinbrechenden langen Abenden, oder zu welcher Tags- und Nachtszeit es beliebt, so gut es gehen will, erquicken, vielleicht auch belehren. Verdrießliches wird nichts entgegenspringen.

Ich habe die Zeit her fast mit niemand gesprochen, besonders wenn sprechen allenfalls heißt: wechselseitig reden, wie man denkt. Mein ganzes Dasein seit fünf Monaten steht auf dem Papier; Du würdest [Dich] verwundern, die grenzenlosen Faszikel zu sehen, die immerfort geheftet werden; einiges, was ich in öffentlichen Anstalten, außer Hause getan habe, wird auch von Verständigen gebilligt.

Dieser meiner entschiedenen Einsamkeit und Diktiergewohnheit verdankst Du denn auch diesen Brief, welcher am Abend der Ankunft des Deinigen ausgefertigt wird. Damit aber Du Wellengeschaukelter, Meeresgeruchschnufflender, Ufersehnsüchtiger, im Stillen und Ruhigen diesen Winter, an das gefährliche Große Dich erinnernd, vergnügliche Stunden genießen könnest, so rat’ ich Dir, ein Gedicht anzuschaffen: »Olfried und Lisena« in zehn Gesängen und über 600 Stanzen, von August Hagen, einem Jünglinge in Königsberg.

Wenn auch diese Speise Deinem derben Gaumen und guter Verdauungskraft hie und da allzuleicht erscheinen möchte, so wirst Du gewiß entzückt sein, gerade Deinen Ostseeduft durch das ganze Büchlein anwehend zu spüren. Es ist eine wundersame Erscheinung, die mir viel Freude gemacht hat.

Nun aber erst, womit ich hätte anfangen sollen, wenn die frohen Melodien dieser Welt nicht so oft mit Sordinen müßten gespielt werden: meine Schwiegertochter hat abermals einen tüchtigen Jungen zur Welt gebracht; nur hat sie bei ihrer zarten Natur in der Schwangerschaft grenzenlos gelitten, und wenn ich aufrichtig sein soll, so fürcht’ ich noch immer für sie. Weiter kann ich nichts sagen, als daß ich auch hier mich im Islam zu halten suche.

Geht es in unserm Hause gut, so wrär’ es liebenswürdig, wenn Du Anfang November bei uns einsprächst; denn alsdann bin ich erst wieder bei mir selbst eingekehrt. Hierher kann und mag ich Dich nicht laden; auch hab’ ich noch sechs Wochen soviel zu tun, daß ich wenig freie Stunden vor mir sehe. Zufällig trafen es die Berliner Freunde, sie kamen gerade in einer Pause meiner sämtlichen Tätigkeit. Somit mög’ es denn auch genug sein, diese Blätter Dich begrüßen und bald wieder ein Schreiben vom festen Pflaster oder vom lockern, doch nicht wogenden Sande aus auf mich hervorlocken.

Treulichst

Jena, den 20. September 1820. G.

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