2016-08-20

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 08.07.1821 (369)



369. An Goethe 08.07.1821

Berlin, den 8. Juli 1821. 

Ich bin bis über die Ohren in Briefschulden geraten, woran der ewige Winter mit schuld ist, und damit Du das letzte verstehst, so erfahre, daß ich jetzt, 4 Wochen nach Pfingsten, noch einheize.

Unter diesen Umständen beschäftigt mich eine lang verschobene Arbeit, indem ich meine Sachen, die sich durch das Umziehen auf- und durcheinander gerührt haben, wieder ordne, verzeichne und dabei nicht ohne Vergnügen manches lerne, was nicht gelehrt wird.

Nun kommt vorgestern Herr Lortzing und bringt Dein liebes Briefchen vom 30. Junii und erweckt mich aus Träumen der Vorzeit zum modernen Gewissen. Ich habe nämlich dem Sohne eines Schul- und Kunstkameraden nicht verweigern wollen, etwas an Dich mitzugeben, und so sende ein paar Exemplare einer Liedersammlung, welche sich Herr Nägeli in Zürich die Mühe gegeben hat mit einer bedeutenden Anzahl von Druck- und Dreckfehlern ans Licht zu stellen. Mein Bildnis will auch niemand anerkennen, woran auch weiter nichts gelegen ist, es müßte denn eine Gelegenheit werden, den Mann selber mit bessern Augen zu betrachten.

Ob ich Dir schon für Deinen Prolog herzlich gedankt habe, weiß ich selbst nicht; hier ist es tausendmal geschehen, und was diesmal das Besondere ist: es ist darüber ohne alle Ausnahme nur Eine Stimme; der gute Humor, den dieser Prolog gleich am ersten Tage vom Allerhöchsten bis auf meinesgleichen herab verbreitet hat, war in seiner tiefsten Stille so merklich und erhob sich vom innig Andächtigen zum lautesten Jubel, worin erst ganz zuletzt die Trompeten und Pauken wie gezwungen einstimmen mußten. Die »Iphi-genia« ist niemals, auch mir nicht, von der Wirkung gewesen wie heut. Das Lied der Parzen hat jedes Herz erschüttert man schien es noch nie gekannt zu haben.

Die »Wanderjahre« habe ich erst einmal gelesen. Mein Exemplar hat mir meine Tochter mit nach Pommern genommen, und nun warte ich Deiner Güte. Sobald Du kannst, schicke mir nur eins wieder. Vor der Hand lese ich den Terenz und merke, daß ich soviel Lateinisch verstehe, um die Ubersetzng der Madame Dacier sehr französisch zu finden. Doch wollen wir nicht undankbar sein und gestehen, daß ich ohne diese gute Dacier auch nicht zurechtfinden würde.

Boucher hat gestern sein 6. Konzert bei vollem Hause gegeben, und das hat er Dir zu verdanken; das erstemal wollten sie ihn auslachen; einige sind von mir so angelacht worden, daß ich darüber zu dem Ehrentitel eines Bullenbeißers gelangt bin. Boucher ist übrigens ein wirklicher Musikus und versteht seine bouche so zu bedienen, daß kein Lüftchen dazu kann; es ist wirklich ebenso angenehm, diese Eheleute zusammen, wie jeden allein zu hören. Der Beifall war außerordentlich. Wir stehen auf sehr gutem Fuße miteinander, und ich zweifle, daß dies sein letztes Konzert sein
wird. In jedem Falle wird er sich im Winter wieder hier einfinden; auch findet er wohl, Paris ausgenommen, nicht leicht so viele gute Spieler beieinander.

Für heute wollen wir schließen. Wennehe Du diesen Brief bekommst, weiß ich nicht. Lebe wohl und laß von Dir hören.

Dein

ewiger

Zelter.

Aus meiner Reise nach Leipzig ist nichts geworden, die Ursachen gelegentlich und (vielleicht den Herbst) mündlich. Doch laß mich wissen, wo Du bist.

Bald hätte ich vergessen zu sagen, daß der junge Mann Rellstab heißt und als Lieutenant die letzten Kriege mitgemacht hat. Er ist ein geborner Berliner, Sohn des bekannten Musik Verlegers, und Stifter einer zweiten Liedertafel all-hier, für die er sich auch in Versen bemüht hat. Er will Dein Angesicht sehen und ist ein braver Junge. Da sie mich an dieser Liedertafel ohne Verschulden zum Ehrenmitglied erkiest haben, so konnte ich seine Bitte nicht ablehnen.

Staatsrat Schultz grüße von mir aufs freundlichste, denn hier in Berlin bekomme ich ihn doch nicht zu sehn. Vorgestern haben wir aus dem herrlichen Urglase, welches Du Hegeln geschickt hast, aller Urseelen Gesundheit getrunken. Vale!

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