2016-08-16

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 23.10.1820 (358)



358. An Goethe 23.10.1820

Montag, den 23. Oktober 1820. 

Dein Brustbild habe ich gestern zum zweiten und heute zum dritten Male betrachtet. Es ist das von Rauch.

Da ich auf den ersten Eindruck halte, so mag ich solchen wohl mit spätem Eindrücken vergleichen und habe mich hübsch befriedigt gefunden.

Hofrat Meyer meint, es sei etwas Gespanntes in den Gesichtszügen, und kann recht haben, indem solches die erwählte Stellung des Kopfes mit sich bringt, die ein Akt des freien Ausschauens ist.

Nun steht die Büste ungefähr sechs Fuß hoch unter mehren sauber gearbeiteten Stücken vom schönsten Marmor, die ihr zwar schaden, doch das Leben lassen. Es ist sogar Anmut drinne; der Mund ist sehr schön.

Das Auge wird jetzt so verwöhnt durch kolossale Formen, welche von den Bildnern beliebt werden, daß ich Deine Büste etwas über Lebensgröße gewünscht hätte. Doch wie gesagt, man ist verwöhnt, und wie jeder besondere Mensch nur in gewissen Lebensmomenten sich selber vollkommen gleicht, so ist ja das betrachtende Auge wohl auch nicht immer sicher.

In jedem Falle hat unser Künstler gleich zum ersten Male tiefer in Dich hineingeblickt als seine mir bekannten Vorgänger.

Die meisten haben Dir ein Imponierendes zu geben gesucht, wenn ich im Verhältnisse Deines Äußern zum Innern den gebornen Reichsbürger zu finden meinte im Konflikt mit angebornem Willen dagegen.

Das wohlgefälligste Bild von Dir ist eine Originalzeichnung in schwarzer Kreide von Georg Melchior Kraus vom Jahre 1776, worin ich Dich ganz erkenne, wiewohl es Dir jetzt nicht mehr gleicht, wo alles: Stirn, Auge, Nase, Mund, Kinn und Haar, aus einem Centro kommt als dem Wohnsitz von dem, was in Dir ist und von Dir ausgeht.

Diese Zeichnung habe ich dem Erben des alten Nicolai abgeschwatzt, er selber würde sie mir niemals gegeben haben. Sie hängt vor mir, indem ich dies schreibe, unter meinem Sebastian Bach; ich schreibe ihre Züge ab, und mir ist eben, als wenn wir miteinander jung gewesen wären.

Etwas diesem Geiste Ähnliches glaubte ich in einer Zeichnung zu finden, die in Deiner großen Stube hing (ist sie nicht von Bury?), besonders ein Jugendliches, das Dir schon gemäß ist.

Den 28. Soeben geht Hofrat Meyer von mir. Was ich hier geschrieben habe, las ich ihm vor. Er hat die Büste bei Rauch wieder gesehn, wo sie vorteilhafter aufgestellt ist, und findet das hier Gesagte richtig. Von meiner Kraus’schen Zeichnung sagt er: er habe sie wohl schon betrachtet und nicht geglaubt, daß sie von diesem sei, weil sie das Beste sei, was Kraus wahrscheinlich jemals gemacht habe.

Ein 16-17jähriger Schüler vom alten Schadow, der Sohn des Professor Wolff, hat die Büste seines Vaters so tüchtig, frisch und ähnlich ausgestellt, daß es eine Freude ist, das weiche Lebendige in kaltem Gips zu erblicken.

Ein anderer 2ojähriger Jüngling namens Cords, auch hier geboren, hat sein eignes und seiner Schwester Bild in 01, besonders das letztere, höchst wahr und kräftig gemalt. Arme, Hände und Augen sind rein und natürlich, Sammet und Falten sanft und frei; besonders sind die Schattenteile ausnehmend sauber geraten, das Geblüt scheint herauszublicken.

Ein großes Bild, Kopie nach einem Italiener, gegen welches mein Auge früher Einwendungen hatte, befriedigt mich täglich mehr, da ich einen ändern Standpunkt gefunden habe: »Besuch der Maria bei der heiligen Elisabeth«. Es ist ein höchst würdiges Bild. Indem ich unser Verzeichnis nachschlage, finde ich: das Original sei von Albertinelli und aus der Florentiner Galerie, kopiert von Lengerich, der jetzt in Berlin ist. Hier steht geschrieben: »Besuch der heiligen Elisabeth bei der Jungfrau Maria«. Zufällig habe ich dieses Bild von der rechten Seite, wo die Elisabeth steht, betrachtet, in dem Gefühl, die Heilige komme zur Jungfrau, und so kam mir’s vor, als wenn die beiden Köpfe zu nahe aneinander stünden. Aus dem vorigen Hefte von »Kunst und Altertum«, Seite 28, scheint mir aus einem einzigen Worte hervorzugehn: die Jungfrau Maria komme und der Besuch gelte der heiligen Elisabeth. Nun bin ich die letzten Tage immer auf die Seite der Maria getreten, und das Bild hat mir ein höheres Gefühl erregt. Sollte das wohl ein bloß spekulatives und kein wirkliches sein? Die Kopie wird von allen Künstlern gelobt, und Buchhorn will darnach einen Kupferstich machen.

In dem Besuche vonseiten der Jungfrau Maria liegt ohne Zweifel mehr Geist und Sinn; die Heilige tritt der Kommenden entgegen, und so ist alles in Ordnung, da im umgekehrten Falle die heilige Elisabeth weiter abstehn und tiefere Prosternation zeigen dürfte.

Es muß wohl geschlossen werden. Hofrat Meyer, der dies mitnehmen will, eilt. Sie ersäufen ihn in Sammlungen. Laß bald von Dir hören; über einen Monat habe ich kein Schreiben von Dir.

»Gedanke, Hoffnung, Liebe sind bei Dir,
Bis Cynthia scheint, wie sie mir sonst gethan.«

Dein

Z.

Über den Gedanken an himmlische Hoheiten und Heerscharen hätte beinahe zu melden vergessen, daß die Teltower Rübchen angekommen sind und morgen, Dienstag, den 31. Oktober, ihre Reise nach Weimar an treten werden. Schreib hübsch, ob und wie sie angekommen sind.

Z.

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