2016-08-10

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 13.05.1820 (341)



342. An Goethe 13.05.1820

Berlin, den 13. Mai 1820. 

Eben da ich im Begriff bin, mit den Kindern nach Potsdam zu fahren, um den morgenden Sonntag dort in die Blüten zu schaun, kommt Dein liebster Brief aus Karlsbad vom 2. dieses, der mich doppelt vergnügt macht, weil Du mich darinne lobst.

Dachte ich doch, daß Dir von unserm Feste das Ganze anschaulich sein müßte; auch hat es den Gästen Vergnügen gemacht, insofern sie nichts von uns vernommen haben, als was uns und ihnen gemäß ist.

Den 16. Indem Dein Brief von musikalischer Malerei spricht, soll ich sagen, wer sonst dergleichen geleistet hat. Hat es doch jeder Tüchtige nach seiner Art in allem, was Kunst heißt, hervorgebracht, und nur die, welche es nachmachen wollen, fallen ins Einzelne, Vergleichende, zu ihrem Schaden, wie die Maler, welche einen Kopf auf fremden Rumpf stellen.

Mit dem Genie ist es anders, wie Du mir einst bei Gelegenheit, als die Rede von Moliere war, begreiflich machtest. Mit dem ist nicht zu hadern: es stellt uns, hält uns, jagt uns, wir wissen nicht wie, und am Ende finden wir uns zufrieden, wenn wir nur unsere Forderungen aufgeben.

Haydn in der »Schöpfung« und den »Jahreszeiten«, Beethoven in seinen Charaktersinfonieen und in der »Schlacht von Vittoria« haben das Seltsamste auf die Tafel gestellt und ausgezeichnet.

Was ich dabei bemerke, ist folgendes: Nimmt man das Wort weg und die Sache bleibt im Zusammenhange, so wird man sich beruhigen. Die »Schlacht von Vittorie«, welche ich nun 4 Male mitgemacht habe, hat mich noch immer in die herzhafte, furchtbar-furchtlose und geistige Stimmung versetzt, welche dazu gehört. Nur darf ich mir die Parteien nicht namentlich denken, weil sich gleich das Urteil einmischt, das allemal partei[i]sch ist. Und doch sind sie durch ihre Nationalmusik als Engländer und Franzosen kenntlich; man weiß nicht, ob es ein Fehler ist oder eine Schönheit.

Die Ouvertüre in Haydns »Schöpfung« ist das Wunderbarste aller Welt, indem durch ordentliche, methodische, ausgemachte Kunstmittel ein — Chaos hervorgebracht ist, das die Empfindung einer bodenlosen Unordnung zu einer Empfindung des Vergnügens macht.

In der Sinfonie zu den »Jahreszeiten«, welche den Winter vorstellt, friere ich mit Wollust am warmen Ofen und weiß in dem Augenblicke nicht: ob es außer dem noch was Schönes in der Welt gibt.

Was der alte Bach und Händel geleistet haben, ist völlig grenzenlos, besonders in seiner Unzahl, so wie jede gelegentliche vorüberschwirrende Äußerlichkeit zu einem Abgrunde von Empfindung wird, welchen sie mit bekannten schwarzen Punkten bezeichnen. Ja wäre im Menschlichen keine Beschränktheit und das äußerliche Mittel reich genug, so würde man im Bauche der Erde und in der Brust der Sterne das Leben der Allmacht erkennen.

Was ich hiergegen an den Tag gebracht habe, ist eben von der Art, daß ich darüber nichts Verständliches zu sagen wüßte. Daß ich aus Neigung und Glück aus obigen Schätzen manches herausgeahnet habe, was also nichts weniger als einzig ist, mag darinne bestehen: aus wenigen Noten einen Knäul zu wickeln, woraus sich ab wickeln läßt, was der Faden langt, und dahin haben mich Deine Gedichte gebracht, die ich verstehe, ohne sie zu erklären; welches letztere mir oft genug zum Vorwurf wird, der mich nicht befremdet und nicht kränkt, weil ich weiß, was darin ist, wenn ich es auch nicht herausschaffe.

So erschrak ich ganz anmutig, als ich im »Diwan« das »Dir zu eröffnen Mein Herz« gedruckt fand und die Erklärung dabei, wie das Gedicht entstanden. Es war im Glauben an Dich, ohne weiteres Verständnis in Noten gesetzt, und der Ton desselben wird von mir hinterher ganz wahr befunden.

Wer mag sich das erklären?

Der Gebrauch des Marienbrunnens ist hier stark im Gange. Mein Arzt wollte mich schon voriges Jahr dahin schicken; als ich aber in Franzensbrunn und Karlsbad erfuhr, daß sie mehr Leute hätten als Wohnung, rannte ich nach Wien, wo sie freilich auch nichts gratis geben wollen. Lebe wohl, alter Herr, und gedenke unser im Guten.

Den 24. wird der vorjährige Geburtstag wieder gefeiert und der »Faust« wieder losgelassen. Es wäre doch gut, wenn Du dem Spaße ein wenig näher wärest, und solltest Du Dich auch nur über unsere Freude daran freuen.

Dein

Z.

Laß doch bald wieder von Dir hören. Werden wir ja immer älter; so laß uns doch so nahe zusammenrücken als möglich! Dein!

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