13.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 27.09.1820 (357)



357. An Zelter 27.09.1820

Ob ich gleich weiß, daß ihr Berliner euch dem Leviathan gleichstellt, welcher den Strom verschlingt und sein nicht achtet, so schicke ich doch von Zeit zu Zeit einen Bissen, und wenn ihr ihn auch im Schlunde nicht empfinden solltet.

Vor allen Dingen vermelde ich also, daß Deine Schülerin mir sehr wohl gefallen und daß ich ihr noch freundlicher begegnet hätte, wenn ich bei den vielen Fremden, die ich sehe und nur einmal sehe, mir nicht eine gewisse gleichgültige Praktik hätte einrichten müssen. Wie sie weg war, schrieb ich Beikommendes, womit Du Dir und ihr einen Spaß machen magst. Es ist dies ein freundliches Schnippchen im Sack, das nicht oft vorkommt.

Nun aber ersuche ich Dich um Deine Komposition zu dem famosen Bekenntnis der Epimeleia! »Prometheus« taucht gerade wieder einmal in Weimar auf; man erfreute sich an dem Gedanken, daß Du Dich einmal damit abgegeben habest. Jetzt ersuche ich nur um gedachtes Einzelne; magst Du mehr senden, so wird es auch freundlichst willkommen sein.

Nächstens schicke wieder einen Heft »Naturwissenschaft, Morphologie« pp., da nimm Dir heraus, was Dir gemäß ist, und wenn auch nur Bild und Gleichnis.

Geheimer Rat Wolf war diese Tage bei mir, zu beider Behaglichkeit. Wenn man selbst Grund gefunden hat und Grund sucht, so ist es höchst erfreulich, mit einem auf eignem Grund und Boden gegründeten Manne hin und wider zu sprechen, zu streiten und sich zu verständigen.

In wenigen Tagen denk’ ich von Jena abzugehen. Es ist verhältnismäßig zu unsern Kräften und zu den meinigen dieses halbe Jahr viel geschehn, und ich werde in allem ganz rein, ehe ich scheide.

Die Lokalität Deiner neuen Wohnung, mit der Du mich so freundlich bekannt machst, hat viel Reiz, und wenn ich gegen so viele Märchen, die ich in Kurs gebracht habe, von den Feen den Ring beliebiger Unsichtbarkeit hätte erwerben können, so würdest Du mich bald auf Deinem Territorium herumwandelnd spüren.

Hofrat Meyer bleibt gewiß bei euch die gerechte Zeit, und wenn er wiederkommt, so wollen wir bis Sylvesterabend an euren Tugenden und Gebrechen zehren.

Die letzten können mich nicht besonders interessieren, denn mir ist von dorther dieses Jahr nichts als Liebes und Gutes gekommen.

Gegen Neujahr schüttle auch Du Dein Füllhorn, damit »Veni creator spiritus« mitten im Winter ein Pfingsfest bereite.

Treulichst

Jena, den 26. Oktober 1820. Goethe.

Eben, als ich endigen will, kommen beiliegende Revisionsblätter bei mir ein. Du verlangtest das Gedicht schon vor einigen Jahren, wo ich es verweigerte; nun hat es den Stachel verloren und, wie ich hoffe, die Anmut behalten.
Meinem Wunsch nach blieb’ es jetzt geheim, Du komponiertest es für die Liedertafel, mit Rücksicht auf die vorhandenen Stimmen und Charaktere, und wenn Ostern das Heft erscheint, brächtest Du diesen Scherz sogleich mit ins Leben. Möge es überall zur guten Stunde hervortreten!     G.

(Beilage)

Als an der Elb’ ich die Waffen ihm segnete, 
Dem Bekreuzten am Neckar begegnete,
Da fehlte ihm noch das Dritte:
Der Gegensatz der siebenten Bitte.
Sie heißt: Von allem Bösen Mögest, 
Herr, uns gnädig erlösen!
Hier heißt es: Gib das Beste 
Und mach’ das Leben zum Feste!
Da er nun auch das erfahren,
Möge Gott ihn lange bewahren!

Jena, 27. September 1820.

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