05.08.2016

Gedichte von E. Geibel: Reue (107)



Reue

Die Nacht war schwarz, die Luft war schwül,
Ich fand nicht Schlaf auf meinem Pfühl,
Mein Sinn ward trüb und trüber;
Da schritten die Tage der alten Zeit
Zu langem, langem Zug gereiht
Wehklagend mir vorüber:

»Du hattest den Lenz, und du hast ihn entlaubt,
Du hattest das Heil, und du hast nicht geglaubt,
Du hattest ein Herz zum Lieben,
Du hast es vertändelt mit eitlem Schein;
Nun bist du zuletzt allein, allein
Mit deinem Jammer geblieben.

Und wie du ringst in bangem Gebet,
Es ist zu spät, es ist zu spät,
Du darfst von Rast nicht wissen;
Dein einsam Herz ist dein Gericht.«
Ich aber drückte mein Angesicht
Lautweinend in die Kissen.
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