05.08.2016

Gedichte von E. Geibel: Romanze-1 (110)



 Romanze

Überm Schloß und seinen Gärten
Brütet heiß im Dunst der Mittag;
Wie in einem Märchen wandl' ich
Durch die schwüle Totenstille.

Schlummertrunken um die Türme
Hängt der Efeu; vor den Fenstern
Liegen Schalter, mit geschloßnen
Wimpern scheint das Haus zu träumen.

Auch die hohen roten Blumen
Nicken wie im Schlaf gespenstisch,
Schweigend am verfallnen Springborn
Sonnt sich eine grüne Schlange.

Zum smaragdnen Ring verschlungen
Züngelt sie und blickt mit klugen
Augen zu mir auf, als wüßte
Manch Geheimnis sie zu melden,

Manch verschollenes Geheimnis
Von der schönen Königstochter,
Die des Abends hier gewandelt,
Wenn der blonde Page seufzte,

Von den Schwüren, die die Mondnacht
Hört' im Dunkel jener Lauben,
Von dem Blut, das dort geflossen,
Wo die roten Blumen schwanken.

Schon beschleicht ein heimlich Grauen
Mir das Herz, da dröhnt die Schloßuhr
Eins, und raschelnd in die Büsche
Schlüpft zurück die grüne Schlange.
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