2016-08-05

Gedichte von E. Geibel: Schlaflosigkeit (112)



 Schlaflosigkeit

Wenn ich in den Knabenjahren
Abends hinsank auf mein Bette,
O wie war die Rast mir lieblich!
Schon nach wenig Atemzügen
Lösten sich von selbst die Wimpern,
Und des Schlafes Wellen spülten
Um die Brust mir leicht und linde,
Und der Traum mit Elfenhänden
Nahm mir von der jungen Seele
Allen kleinen Harm des Tages.

Aber jetzt wie ward es anders!
Such' ich mitternachts mein Lager
Mit herabgebrannter Kerze,
Bleibt der süße Schlaf mir ferne;
Denn die Sehnsucht ruckt am Kissen,
Und es lasten die Gedanken
Auf mir wie ein böser Alpdruck,
Und mit Rabenflügeln schwirren
Um mein Haupt die schlimmen Sorgen.

Stundenlang mit heißem Auge
Starr' ich dann hinaus ins Dunkel,
Bis zuletzt die matte Seele
Sich verliert in dumpfen Träumen.

Ach, was gäb' ich drum, ihr Freunde,
Könnt' ich nur noch einmal wieder,
Einmal wie ein Jüngling weinen,
Einmal schlafen wie ein Knabe!
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