2016-08-06

Gedichte von E. Geibel: Sonett (118)



 Sonett

Der Acker, ewig umgewühlt vom Pfluge,
Erschöpft sich endlich, gute Frucht zu tragen:
So wird zuletzt nach höchster Blüte Tagen
Der Geist der Völker siech und lahm im Fluge.

Das Wissen überschärft sich selbst zum Luge,
Die Kunst wird Machwerk, alles Glauben Fragen,
Und Zweifel, wägend stets anstatt zu wagen,
Würgt jede Tat beim ersten Atemzuge.

Ausging die Zeugung, während tausend Zungen
Von Freiheit, Kraft und Größe prahlend dichten,
Als sei der Menschheit Gipfel nun erschwungen.

Doch plötzlich dann mit donnerndem Vernichten
Erbraust der Strom der Völkerwanderungen,
Aus Weltenschutt ein Brachfeld aufzuschichten.
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