06.08.2016

Gedichte von E. Geibel: Wandrers Nachtlied (128)



Wandrers Nachtlied

Vergangen ist nun manch ein Jahr,
Daß ich hier jung und fröhlich war;
Da schritt ich oft des Wegs daher,
Nun kenn' ich kaum die Straße mehr.

Wohl rauscht der Wald und trägt sein Kleid,
Sein grünes, wie in alter Zeit;
O Hoffnung, wie der Wald so grün,
Was mußtest du so rasch verblühn!

Das Wasser von den Bergen rinnt,
Den leichten Rauch zerführt der Wind,
Die Welt hat sich verwandelt gar,
Ich selbst bin nimmer, der ich war.

Mein Herz, so freudig einst, so weit,
Hat keine Lust an dieser Zeit,
Wo weise Lippe Torheit spricht
Und deutsche Treu' wie Glas zerbricht.

Das ist mein Gram zu jeder Stund':
Sie baun und legen keinen Grund,
Sie rechten sonder Maß und Huld
Und tilgen Schuld mit größrer Schuld.

Nur du, der überm Sternenzelt
Das Richtmaß aller Dinge hält,
Du bist dir selbst geblieben gleich
Und aller Treu' und Gnade reich.

O nimm mich, Herr, in deine Hut
Und gib mir einen festen Mut,
Daß ich getrost den schweren Tag,
Wie einst den guten, tragen mag.
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