06.08.2016

Gedichte von E. Geibel: Winter in Athen (132)



Winter in Athen

Winter mit den eis'gen Locken
War mir immer sonst so leid,
Denn er hielt mit seinen Flocken
Alle Freuden eingeschneit.

Wenn die Vöglein lustig sangen,
Wenn das Bächlein rauschend zog,
Kam er plötzlich hergegangen
Wie ein mürr'scher Pädagog:

»Vöglein, laßt das dumme Lärmen!
Lüfte, laßt das laue Wehn!
Bächlein, willst du ewig schwärmen?
Besser ist's, fein still zu stehn.

Fort, du ausgelaßne Erde,
Mit dem bunten Narrenkleid!
Daß dein Anblick ehrbar werde,
Halt' ich schon ein Hemd bereit.

Und ihr andern wilden Rangen,
Blumenduft und Sonnenstrahl,
Keiner soll sich unterfangen,
Mir zu stören die Moral.«

Und die Blumen wurden selten,
Bächlein stand, und Vogel schwieg,
Als der Pädagog mit Schelten
Auf den Eiskatheder stieg.

Schadenfroh mit arger Tücke
Schlug er in den lust'gen Wald,
Und es stob aus der Perücke
Ihm ein Schneegewölk alsbald.

Und der Sturm, sein böser Husten,
Ließ sich hören weit und breit,
Und wir armen Menschen wußten
Nichts zu tun in solcher Zeit. -

Doch der Süden, o wie ist er
Doppelt nun mir lieb und wert,
Seit er diesen Erzphilister
Selber zur Vernunft bekehrt!

Nicht mehr in die enge Stube
Schließt mich jetzt der Januar,
Nein, er ward ein toller Bube,
Hat ein Auge groß und klar.

An den Bergeshängen springt er
Lustig hin im grünen Kleid;
In den hohen Lüften singt er,
      Blumen streut er weit und breit.

Kommt einmal Gewölk gezogen,
Wurmt ihn gleich der dunkle Tand,
Und den bunten Regenbogen
Spannt er drauf mit leichter Hand.

Gänzlich hat er auch vergessen
Pädagogik und Moral,
Unter Palmen und Zypressen
Sonnt er müßig sich im Strahl.

Manchmal nur in seltnen Zungen
Schwatzt er von der Freude Macht,
Und von seinem Hauch durchdrungen
Hab' ich dieses Lied erdacht.
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