07.08.2016

Gedichte von E. Geibel: Zuflucht (134)



 Zuflucht

Der du mit Tau und Sonnenschein ernährst die Lilien auf dem Feld,
Der du der jungen Raben nicht vergissest unterm Himmelszelt,
Der du zu Wasserbächen führst den Hirsch, der durstig auf den Tod,
O gib, du Allbarmherziger, auch unsrer Zeit, was ihr so not!

Um Frieden, Frieden flehen wir, nicht jenen, der des Sturms entbehrt,
Der sicher in der Scheide Haft gefesselt hält das scharfe Schwert,
Nein, um den Frieden in der Brust, den's mitten in der Schlacht nicht graut,
Weil auf den Felsen deines Worts mit festen Pfeilern er gebaut.

Gib uns die Hoffnung, Herr, zu dir, die nie zuschanden werden läßt,
Gib uns die Liebe, die im Tod und überm Tode noch hält fest,
Gib uns den Glauben löwenstark, den Glauben, der die Welt bezwingt
Und auf dem Scheiterhaufen noch dir helle Jubelpsalmen singt.

Wohl sind wir sündig, arm und schwach und nimmer solcher Gnaden wert,
Doch du erbarmst dich, wo ein Herz voll Angst und Sehnsucht dein begehrt;
So hör' uns denn gleich Israel, da er dich ringend hielt umfaßt:
»Ich lass' dich nicht, ich lass' dich nicht, Herr, bis du mich gesegnet hast.«

Nein! Du verstößest nimmermehr den, der da flüchtet in dein Haus,
Zerbrichst nicht das zerknickte Rohr und löschst den matten Docht nicht aus,
Die Arme tust du auf und sprichst auch zu den Herzen unsrer Zeit:
»Kommt her zu mir, die ihr im Geist mühselig und beladen seid.«

So kommt denn all', in deren Ohr die hohe Freudenbotschaft klang,
Die einst den Hirten auf dem Feld der Chor der Engelstimmen sang;
Kommt! Süßer Frieden ist in ihm und Licht, das keinem Dunkel weicht,
Das Leben ist er, und sein Joch ist sanft, und seine Last ist leicht.
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