11.08.2016

Gedichte von Gottfried Keller: Agnes (81)



  6. Agnes

Ein Schreiner hobelt' spät und früh,
Verliebt in eine Maid;
Doch einen andern liebte sie,
Das schuf dem Holzmann Leid.

Es war gar traurig anzusehn,
Wenn an der Arbeitsbank
Voll Kummer in die Hobelspän'
Sein blondes Haupt versank.

Und hub er aus den Spänen dann
Das gelbe Haar zurück,
Ein Tränenstrom ihm niederrann,
Herzbrechend war sein Blick.

Da trat sie in die Werkstatt ein,
Erblühend, schön und stolz:
»Schafft mir ein Bett, Herr Schreiner mein!
Von gutem Nußbaumholz!

Soll auf gewundnen Säulen stahn,
Ein Himmel drüber hin,
Den malt mit blauer Farbe an
Und goldnen Sternen drin!

Und eine Wieg', die wie ein Reh
So leicht und munter springt
Und schaukelnd nach dem Takte geh,
Wenn man dem Kindlein singt!«

Betrübt und folgsam hob er nun
Die schwere Arbeit an;
Ich frag: Was konnt er andres tun,
Der blonde Tränenmann?
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