2016-08-07

Gedichte von Gottfried Keller: Am Vorderrhein (5)



 Am Vorderrhein

Wie ahnungsvoll er ausgezogen,
Der junge Held, aus Kluft und Stein!
Wie hat er durstig eingesogen
Die Milch des Berges, frisch und rein!
Nun wallt der Hirtensohn hernieder,
Hin in mein zweites Heimatland:
O grüß mir all die deutschen Brüder,
Die herrlichen, längs deinem Strand!

So grüß auch all die deutschen Frauen
Und lerne ritterlichen Brauch;
Und wenn du wirst die Dome schauen,
Die krausen Käuze, grüß sie auch!
Sonst wüßt ich niemand just zu grüßen,
Vielleicht die schlimme Lorelei
Und deiner Reben freudig Sprießen –
Den Vierzigen geh still vorbei!

Es taucht ein Aar ins Wolkenlose
Hoch über mir im Sonnenschein;
Ich werfe eine Alpenrose
Tief unten in den wilden Rhein:
Führ nieder sie, führ sie zu Tale,
Und eh du trittst zum Meerestor,
Den Vettern halt, im Eichensaale,
Den harrenden, dies Zeichen vor!
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