2016-08-08

Gedichte von Gottfried Keller: Denker und Dichter-1 (20)



Denker und Dichter

1

Wohlan, ihr neunmal Weisen!
Ich fordre euch heraus!
Baut ihr von Stein und Eisen
Ein sturmgesichert Haus:
Bau ich aus Blütendüften
Und Mondschein mir ein Schloß,
Drin biete ich euch allen Trutz
Und eurem Schülertroß!

Die güldnen Sonnenstrahlen
Sind meine Lanzen scharf,
Die Blumen in den Talen
Sind all mein Schießbedarf;
Die Tannen auf den Bergen
Sind meine Wächtersleut,
Des Himmels Sterne allzumal
Mein glänzend Heer zum Streit.

Auf, meine Siegstandarte,
Die ist das Abendrot!
Auf, meine Feldherrnkarte,
Die ist das Morgenrot!
Mein Tambour ist der Donner,
Der durch die Lüfte rollt,
Trompeter ist der wilde Sturm,
Der auf den Meeren grollt.

Der Oberstfeldzeugmeister
Ist meine Phantasie,
Und ihre tapfern Geister
Verließen mich noch nie;
Die unerschöpfte Kasse
Der Quellen Silberschaum,
Mein lustig kühles Lagerzelt
Des Waldes grüner Raum.

Die Wolken sind Trabanten,
Die meine Stimme ruft,
Und meine Adjutanten
Die Adler in der Luft,
Die fliegen und die spähen
Hinaus in alle Welt;
Mein leicht Gemüt ist Feldmarschall,
Das ist ein guter Held!

Ich sende dir entgegen,
O Feind! die Nachtigall,
Die bringt mit ihren Schlägen
Dich alsogleich zu Fall.
Ich lasse auf euch spielen
Mein duftiges Geschütz,
Und euer Eis zerschmelzen muß
An meinem Lanzenblitz!

Gott hat zu seinem Zeugen
Geordnet den Gesang;
Der wird nun nimmer schweigen
Die Ewigkeit entlang.
In seinen Zauberwellen
Versinkt der letzte Spott;
Solange noch ein Dichter lebt,
Lebt auch der alte Gott!
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