08.08.2016

Gedichte von Gottfried Keller: Die Begegnung (30)



 Die Begegnung

Schon war die letzte Schwalbe fort
Und wohl seit manchen Tagen auch
Die letzte Rose abgedorrt,
Nach altem Erdenbrauch.

Es flimmerte der Buchenhain
Wie Rauschgold rot im Abendlicht;
Herbstsonne gibt gar sondern Schein,
Der in die Herzen sticht.

Ich traf sie da im Walde an,
Nach der allein mein Herz begehrt,
Mit Tuch und Hut weiß umgetan,
Vom güldnen Schein verklärt.

Sie war allein; doch grüßt ich sie
Verschüchtert kaum im Weitergehn,
Weil ich so feierlich sie nie,
So still und schön, gesehn.

Es blickt' aus ihrem Angesicht
Ein vornehm Etwas neu hervor,
Und ihrer Augen Veilchenlicht
Glomm hinter einem Flor.

Ein fremder Hirt, ein blasser, ging
Im Schatten dieser Huldgestalt;
Im Gurt ein silbern Sichlein hing,
Das klang: Ich schneide bald!

Es scheint mir ein Rival erwacht!
Sprach ich und schaut ins Abendrot,
Bis es erlosch und bis die Nacht
Die dunkle Hand mir bot.
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