08.08.2016

Gedichte von Gottfried Keller: Frühling des Armen (31)



 Frühling des Armen

Der Lenzwind tanzt auf Berg und Heide,
Jung Ivo taumelt wie im Traum,
Und zierlich schürzt die Birk den Saum
An ihrem grünen Seidenkleide.
Sein Bündelchen im tollen Reigen
Wirft er empor zum lust'gen Ritt:
»O Birke! wieg auf deinen Zweigen
Mein armes Ränzel freundlich mit!

Was macht der Heide Glanz so traurig
Mein arm unwissend Bubenherz?
Was bettelt es und was begehrt's,
Das mich durchwallt so süß und schaurig?
Tief möcht ich in den Himmel greifen,
Und meine Lippen zucken leis –
O könnt ich singen oder pfeifen,
Was mir im Blute gärt so heiß!

Am Bach sah ich mein Mädchen stehen,
O traute Birk! im Morgenstrahl,
Dann aber froh aus unserm Tal
Mit Wanderschritten eilend gehen.
Sie ist dies Jahr so schön geworden,
Ich sah's mit jähem Schrecken ein!
Was aber soll im Bettlerorden
Der reichen Schönheit Prunk und Schein?

Was schiert mich all dies stolze Blühen?
Beschränke dich, du eitle Brust!
Umsonst! mich will die fremde Lust
Weit in die dunkle Ferne ziehen;
Du liebe Schwester Birke, senke
Mein Säcklein wieder frei herab
Und einen deiner Äste schenke
Mir noch zum grünen Bettelstab!

Ich wandre, bis das Land ich finde,
Das beßre, wo der ärmste Mann
Ein Quentlein Hoffnung kaufen kann
Für einen Deut von Birkenrinde.
Dann wird mein Stecken bald zu Golde,
Das schönste Schloß erstürm ich frisch,
Drin sitzt als Glück mein Kind, das holde,
Und winkt mir lächelnd an den Tisch!«
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