2016-08-11

Gedichte von Gottfried Keller: Gretchen (85)



  10. Gretchen

Das Dirnlein vor dem Gnadenbild
Im trüben Kerzenglanz,
Es flehte heiß, es flehte wild
Um einen Myrtenkranz.

Die Mutter Gottes schaute baß
Herab von dem Gestell;
Es flunkerte der Schmuck von Glas
Auf ihrer Brust so hell.

Die Orgel gab 'nen schönen Klang,
Wie Donnerton im März;
Vor Bangigkeit und Wehmut sprang
Dem Kinde schier das Herz.

Und unter selbem Herzen schwoll
Ein zweites Herzlein an.
Bald stand sie blaß und schandenvoll
Mit Stroh hier angetan!
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