09.08.2016

Gedichte von Gottfried Keller: Klage der Magd (44)



  Klage der Magd

Nun ist der Lenz gekommen,
Nun blühen alle Wiesen,
Nun herrschen Glanz und Liebe
Auf Erden weit und breit;
Nur meine böse Herrin,
Sie keift und zetert immer
Noch, wie in der betrübten
Und dunklen Winterzeit!

Wenn ich am frühen Morgen
Mit aufgewachtem Herzen
Im Garten schaff und singe,
Die Welt mir freundlich blickt:
Wirft sie mir aus dem Fenster
Die ungefügen Worte,
Daß rasch in meiner Kehle
Ein jedes Lied erstickt!

Und wenn mein Vielgeliebter
Am Hag vorüberwandelt
Und ein paar heiße Blicke
Mir in die Seele warf:
Kommt sie und streut mit Schelten
Und ausgesuchter Bosheit
Mir in die süße Wallung
Den Tod, so eisig scharf!

Und wenn am Mittagsmahle
Ich mit gesenkten Augen
Am Tische sitz und esse
Und mäuschenstille bin:
Zielt sie mit schiefen Augen,
Mit harten, spitzen Reden
Und oft mit groben Scherzen
Vor allen nach mir hin,

Daß hungernd ich, mit Tränen
Das Essen stehenlassen
Und mich hinweg muß wenden
Voll Scham und voll Verdruß
Und weinend im Verborgnen
Ein Stücklein harten Brotes
Mit all den harten Reden
Hinunterwürgen muß!

     O lieber Gott im Himmel!
Du weißt, wie sehr es schmerzet,
Wenn man just möchte weinen
Und dazu essen soll!
Man schämt sich, es zu zeigen,
Und kann es doch nicht lassen,
Es ist ein Zucken, Würgen
Im Herzen jammervoll!

Sogar, wenn ich am Sonntag
Will in die Kirche gehen
Und mir ein armes Bändchen
Am Hals nicht übel steht:
Vergiftet sie mir neidisch
Mit ungerechtem Tadel
Die wochenmüde Seele,
Das heilige Gebet!
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