11.08.2016

Gedichte von Gottfried Keller: Tod und Dichter (69)



  Tod und Dichter

Tod

Deiner bunten Blasen Kinderfreude
Hängt und bricht an meiner Sensenschneide,
Wirf zur Seite nunmehr Rohr und Schaum,
Mache dich auf – aus ist der Traum!

Dichter

Halte weg die Sense! Lasse steigen
Meiner Irisbälle bunten Tanz!

Tod

Schon an meinem Schädel platzt der Reigen,
Und ein Ende nimmt der Firlefanz!

Dichter

Laß! ich will dich als das Beste preisen,
Trost und Labsal alles Menschentumes!

Tod

Nicht bedarf ich Schrecklicher des Ruhmes;
Spare deine falschen Schmeichelweisen!

Dichter

Weh, noch schuld ich manche schöne Pflichten!

Tod

Reif genug schon bist du den Gerichten!

Dichter

Doch die lieblichste der Dichtersünden
Laßt nicht büßen mich, der sie gepflegt:
Süße Frauenbilder zu erfinden,
Wie die bittre Erde sie nicht hegt!

Tod

Warum hast du solchen Spaß getrieben,
   Schemen zu ersinnen und zu lieben?

Dichter

Sind sie nicht auf diesem kleinen Sterne,
Blühn sie doch wo in der Weltenferne,
Blut von meinem Blute; zu verderben
Bin ich nicht, eh jene sterben!

Tod

Ei, da fahr ich hin, sie wegzumähen,
Und sie müssen gleich mit dir vergehen!

Dichter

Hui! da fährt er hin ins Unermeßne,
Und ich bin der glückliche Vergeßne,
Spiele weiter in des Lebens Fluten,
Bis er findet jene schönen Guten!
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