12.08.2016

Gedichte von Gottfried Keller: Zur Erntezeit-2 (101)



 2

Es deckt der weiche Buchenschlag
Gleich einem grünen Samtgewand,
So weit mein Auge reichen mag,
Das hügelübergoßne Land.

Und sachte streicht darüber hin
Mit linder Hand ein leiser West,
Der Himmel hoch mit stillem Glühn
Sein blaues Aug drauf ruhen läßt.

Mir ist, ich trag ein grünes Kleid
Von Sammet, und die weiche Hand
Von einer schweigsam holden Maid
Streicht es mit ordnendem Verstand.

Wie sie so freundlich sich bemüht,
Duld ich die leichte Unruh gern,
Indes sie mir ins Auge sieht
Mit ihres Auges blauem Stern.

Uns beiden ist, dem Land und mir,
So innerlich, von Grund aus, wohl –
Doch schau, was geht im Feldweg hier,
Den Blick so scheu, die Wange hohl?

Ein Heimatloser sputet sich
Waldeinwärts durch den grünen Plan –
Das Menschenelend krabbelt mich
Wie eine schwarze Wolfsspinn' an!
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