10.08.2016

Gedichte von Gottfried Keller: Sonnenaufgang (65)



Sonnenaufgang

Fahre herauf, du kristallener Wagen,
Klingender Morgen, so frisch und so klar!
Seidene Wimpel, vom Oste getragen,
Flattre, du rosige Wölkleinschar!

Siehe die Meere, sie wogen und branden,
Aber still das Gebirge steht,
Tau ist gesprengt auf den funkelnden Landen,
Weihbrunn zum heiligen Sonnengebet.

Tausendfach wollen die Blumen entriegeln
Aus ihrer Brust den gefangenen Gott;
Doch die vergoldeten Kreuze bespiegeln
Sich auf den Domen mit gleißendem Spott.

Singen nicht Lerchen dort hoch in den Lüften,
Schwenkend in freiem und fröhlichem Zug?
Nein, aber aufwärtsgeschwungen aus Klüften,
Sonnt sich ein kreischender Rabenflug.

Springt nicht ein Fischlein aus silberner Welle,
Das sich am lieblichen Lichte erfreut?
Ja, 's ist der Hecht, der bewehrte Geselle,
Der den alltäglichen Raub erneut.

Fahre hinüber auf drehenden Speichen,
Schimmernder Morgen, noch ist es nicht Zeit;
Rosige Wimpel, auch ihr mögt erbleichen –
Weh mir, schon weht ihr so blaß und so weit!

Fahr! Ein Josua träumet auf Erden,
Dem es schon ahnend in Ohren erklingt;
Auf springt er einst, in die Zügel den Pferden,
Welche zum Stehn der Gewaltige zwingt!
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