12.08.2016

Gedichte von Gottfried Keller: Wandersegen (93)



   Wandersegen

In das Album der Frau Ida F. 1846

An Gottes Segen
Ist alles gelegen;
Jedoch der Segen eines Poeten
Mag ihn in guten Stunden vertreten.

So ist es doch betrübt zu klagen,
Wenn deutsche Mütter den Rhein hinab,
Hinab und über des Meeres Grab
Die zarten Wickelkindlein tragen,
Nach freier Länder Gestaden hin,
Indes die Männer auf weiten Wegen,
Getrennt, bekümmert zum Ziele fliehn!
Ich streue meinen leichten Segen,
Fast trauernd, in dein Frauenherz:
Fahr glücklich denn rheinniederwärts
Und finde Leute in allen Reichen,
Die gute Milch dem Kindlein reichen,
Und auf den Schiffen, wenn es schreit,
Ein Publikum, das ihm verzeiht!
Des Reimes wegen, als ein Schweizer,
Wünsch ich dir einen nüchternen Heizer,
Der da vorsichtig, sanft und lind
Das Schiff dich tragen läßt mit dem Kind!
Ich wünsche, daß alles, was sehenswert,
Die schönsten Seiten zu dir kehrt,
Vor deinem Fuß frisch Rasengrün,
Dem Auge freundlicher Sterne Glühn,
In deine Hände weißes Brot
Und alle Tag Morgen- und Abendrot!
Indes sei deinem Mann der Wein
Allüberall süß, stark und rein!

Vom Rhein will keinen Wunsch ich sagen,
Er wird gerührt und treu dich tragen;
Jedoch das Meer sei ohne Gefahr!
Und wo ihr hinkommt, frisch und klar,
Von Blumen umgeben, vergnügt und rein
Müssen alle Brunnen und Quellen sein!
Und weil die Guten dieser Erden
Noch eine Weile wandern werden,
So mache die Ferne das Herz euch satt
Mit allem Besten, was sie hat;
Sie fülle freundlich euch die Truh
Und geb euch leichte Sorgen am Tag,
Am Abend Nachtigallenschlag,
Zur Nachtzeit aber die goldene Ruh;
Des Sommers Frucht, des Frühlings Zier,
In England immer vom besten Bier,
Den Fisch im Wasser, den Vogel der Luft –
Nur keinen Boden zu einer Gruft:
Denn in der Heimat sollt ihr sterben
Und euren Kindern die Freiheit vererben!
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