2016-08-19

Gedichte von L. Eichrodt: Der alte Schmerz, das ewge Leid (17)



 Der alte Schmerz, das ewge Leid

O Traurigkeit, du sterblich nie,
Recht bittre du, nichts werthe,
Nicht süße sanfte Melancholie,
Bist unser Lebensgefährte.
Ach Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

Ein Freudentag, ein Rausch des Glücks
Im Freundeskreise vorüber!
Lust eines dauernden – Augenblicks:
Dann um so stiller und trüber.
Ach Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

Geruht an göttlicher Liebe Brust,
Maistunde jauchzender Wonne,
Genossen der Treue Reiz und Lust –
Zum Abend neiget die Sonne.
Ach Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

Geerntet, was einst mit Muth gesät,
Der Arbeit lohnende Früchte –
Empfindung rein! doch, o so spät,
Und nur, damit sie flüchte.
Ach Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

Genesung, holdes rührendes Glück,
Nach schweren kranken Tagen,
Du führest den Nüchternen – zurück
Zu eiteln Sorgen und Plagen.
Ach Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

Religion, du Hochgefühl von dem
Was wahr, gut, ewig und schön ist,
Wohl labest du oft, fern von System,
Die Seele, der Leidges geschehn ist –
Ach Alles – vergeht;
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

Hoffnung, beseligend Vorgefühl
Des Ruhms und Ruhm am Ende;
Was fehlt dir sodann, hast Neider ja viel –
Verläumder kommen behende.
Ach Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

O Lethe-Quell, o Vergessenheit,
Des Himmels Kind und der Erde,
Den alten Schmerz, das ewige Leid
Entführe mit sanfter Geberde!
Ach Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

Du, Schlaf, o heilige Medizin;
Trost, Freund, behüt uns immer!
Wenn trauter Schlaf im Leid erschien,
Liegt weich auf allem Getrümmer.
Ach – Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

Ward euch vergönnet nie frisches Blut,
Vor Schuld euch frei zu bewahren:
Verehret den Schlaf, das göttliche Gut!
Laßt Wunsch und Hoffnung fahren!
Ach – Alles vergeht!
Was aber besteht?
Allzeit?
Der alte Schmerz, das ewge Leid.

alle Gedichte v. Eichrodt                                                                                                           weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de