2016-08-19

Gedichte von L. Eichrodt: Der Gelehrte (19)



  Der Gelehrte

Tausend Schmerzen in junger Brust
Schon so tief so fest gegraben!
War das ein Leben voll Lebenslust,
Wies glückliche Menschen haben?
Die Sorgen um Zukunft, klein und gemein,
Ewiges Sehen auf mein und dein –
Das sollt mein Frühlingsleben sein?

O Fluch dir, höhnische Wissenschaft,
Was hab ich mich dir ergeben!
Du Gespenst ohne Blüth, ohne Saft und Kraft,
Elendes Gelehrtenleben!
Mir kommt entgegen kein Menschenkind,
Wenn ich nicht such und schau mich blind,
Ob ich lebendige Wesen find.

Was Alles ich hatte Freud und Glück,
Mußt ich mir selber erringen,
Erjagt ich den frohen Augenblick,
Mußt ich ihn bannen und zwingen.
Nie harmlos gab ich mich hin der Lust,
Wann kehrte mir Heiterkeit ein zur Brust,
Da ichs nicht wollt und nicht gewußt?

Ich fühl es erst, o ewig zu spät,
Wie bitter der Kelch der Reue,
Und hätte ich noch ein einzig Gebet,
Es wäre um Liebe und Treue!
Wohl kannt ich einmal eine schöne Frau,
In ihren Augen stund oft der Thau;
Ich – trug meinen Wissenseifer zur Schau.

Jetzt grau vor Weisheit und Verdruß
Hinschwank ich einsam zur Grube,
Die Wehmuth ist mein Lebensgenuß,
»Bedauern« darf mich ein Bube.
Statt blühender Kinder liebende Schaar
Zähl ich meine Werke Jahr für Jahr,
Und seh, daß ich Andern nützlich war.

    O schafft eine schöne, menschliche Zeit,
Ohne Heuchelei der Tugend,
Eine Gegenwart der Gerechtigkeit,
Einen Frühling unserer Jugend!
Wo die Zeit, darin sie knospen mag?
Ihr werft das Kind mit Einem Schlag
In den arbeitsschwülen Sommertag.

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