19.08.2016

Gedichte von L. Eichrodt: Der Hirt (20)



Der Hirt

  Kommt die Nacht mit ihren kühlen Schatten
Ueber alles Land;
Schwer bedunkelt schlafen schon die Matten
An der Felsenwand.
Und herüber zieht der Wind,
Leiser Schauer faßt die Glieder –
O mein liebes Kind,
Wann sehen wir uns wieder?

Fand dich nicht zu Hause bei den Eltern,
Fand dich nicht bei mir,
Frühe sucht ich dich auf allen Feldern
Und am Abend hier.
Keinen Gruß, kein Lebewohl?
Tiefe Nacht und tiefes Schweigen –
O mein Kind schlaf wohl,
Bis die Lerchen steigen.

Auf den Fluren bin ich noch alleine
Und mein Herz mit mir.
Sieh! der Mond mit liebetrautem Scheine
Kommt die Wolken für.
O du treues, goldnes Licht!
Leuchte mir zu nächtgen Schritten,
Weißt was mir gebricht,
Was ich schon gelitten.

Berge starren, dunkle Wälder rauschen,
Heilig ist es hier.
Wind und Wellen will ich scheu belauschen,
Flüstern sie von dir?
Von den Wiesen steigt der Duft,
Sanfte Geister weben drinnen,
Bis der Morgen ruft
Und sie scheucht von hinnen.

Manche Nacht schon bin ich umgewandelt,
Mutterseelenallein,
Was die Sternlein unter sich verhandelt,
Ist Geheimniß mein.
Und ihr Schweigen auch ist Gold,
Viele wissens nicht zu deuten,
Aber wem sie hold,
Dem gelingts bei Zeiten.

Du, nur du, mein Engel, sollst erfahren
Was ich hier gehört,
Und ich wills im stillen Busen wahren,
Bis ich dichs gelehrt.
Glücklich werden wir einmal!
Dieses mögen Alle hören –
Wenn wir uns einmal
Einzig angehören.

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