19.08.2016

Gedichte von L. Eichrodt: Der stille Zecher (23)



Der stille Zecher

Die Abendstunden rascher fliehn,
Und Dunkel bricht herein,
Die Sonne sinkt, was kümmerts ihn
Bei seinem hellen Wein?

Die Kelche leuchten in der Nacht,
Sie klingen süß und leis,
Sie duften gleich der Blüthenpracht
Am jungen Frühlingsreis.

Er schaut ins tiefe Glas, da dringt
Ein Wohlgeruch empor,
Aus dessen Fülle schafft und ringt
Sich Geisterwalten vor.

Die Geister bunt gemischt, gemengt,
Er saugt sie gierig ein,
Bis ihn der Rausch zum Liede drängt,
Zum hohen Lied vom Wein.

Und jede goldne Melodie
Verwebt sich seiner Lust,
Es strömt die volle Poesie
Aus seiner trunknen Brust.

Nur manches Mal beschleicht den Mann
Ein wehmuthsvoller Klang,
Von frühbegrabner Liebe, dann
Hält inne der Gesang.

Dann küßt er einen Ring von Gold,
Dann füllt er hoch zum Rand
Das Glas, und eine Perle rollt
Zum blitzenden Demant.

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