21.08.2016

Gedichte von L. Eichrodt: Die Braut (26)



  Die Braut

»Verweinte Augen seh ich hier,
Dein Köpfchen senket sich,
Was geht in deiner Seele für
Mein Schwesterlein, o sprich!«

»Ein Brief ist kommen auf der Post;
Er spricht von – allerlei.
O Bruder, Bruder gib mir Trost,
Mein Schatz bricht mir die Treu!«

So schluchzet Caroline laut,
Die Jungfrau süß und schlank,
Die opferfrohe, fromme Braut
Herrn Ferdinands vom Trank.

»Laß ab vom Weinen, mich entmannt
Dein jammervolles Weh!
An deinem Stolze brich die Schand
Du tief Beleidigte!«

»Vermöcht ich das, o das, ich wollts
Ja gerne thun um Dich,
Ach selbst gebrochen ist mein Stolz,
Auch darum weine ich.«

»Gib her den Brief! Was er enthüllt,
Verwundet mein Geschlecht.
Eh dort der Mond sich wieder füllt,
Bist, Mädchen, du gerächt!«

»Gott! Rache, nein, für meine Noth
Ist Rache kein Begehr,
Mein Herz ist wie erfaßt vom Tod,
Mein Herz verlangt nichts mehr.«

»Zurück sei dieser Pfeil geschnellt,
Der Pfeil – verrathne Treu!
Mein Eins und Alles auf der Welt,
Gerächet, lebst du neu!«

Und Bernhard drückt die Schwester heiß
Ans Herz und stürmet fort;
Er reitet manches Roß in Schweiß
Bis er am rechten Ort.

Lothringer Land ist gut bestellt,
Dort rast der Fürstenzank,
Dort gegen Frankreich liegt im Feld
Herr Ferdinand vom Trank.

»Der Satan segne Euch den Wein,
Drein Ihr verdrossen schaut!
Dieß, Herr, zum Gruß! Herr, überm Rhein
Verzweifelt eine Braut.«

»Und schriebst du das? Gib Rechenschaft,
Verbuhlter, meinem Schmerz!
Die Wuth ist meine Fechterkraft,
Ist Schärfe meines Schwerts!«

»Doch sieh! den Zierrath an der Wand!
Pistolen, herrlicher
Als je zu schaun – nimm sie zur Hand!
Denn du sollst sterben, Herr!«

    »Mein Freund – ich danke deiner Wuth,
Ich ehre deinen Schmerz,
Es fließe Blut, doch schieße gut,
Die Kugel mir ins Herz!

Komm mit in jene Tannennacht!
Glaub nicht an Furcht und Flucht!
Den Tod hab ich in mancher Schlacht
Vergebens aufgesucht.«

»Du, Tod? Ha, deiner Gleißnerei
Winkt volle Strafe dort!
Von deinen Freunden wähle zwei,
Daß Niemand spricht von Mord!«

Die Wolken ziehn, es rauscht der Tann
In seiner finstern Pracht,
Am Auge haftet Mann dem Mann,
Und Schuß auf Schuß erkracht.

Da wälzet sich in seinem Blut
Herr Ferdinand vom Trank,
Da bebt in Frost, da flammt in Glut
Sein Gegner der nicht sank;

Nicht sank, der Nimmerweichende,
Weil nicht auf seine Brust
Weil der zuvor Erbleichende
Ins Blaue schoß mit Lust.

»Hab Dank, du Glücklicher, hab Dank!
Sei, was ich nicht war, sei
Was du, sei Ferdinand vom Trank,
Mit mir ist es vorbei!«

»Was thatest du? Mit deinem Blut
Verraucht mein heißer Zorn.
Was sprichst du irr? Mich läßt der Muth,
Ich werde selbst verworrnf«

»Die Wahrheit sagt ein Sterbender.
Vernimm, o Freund, was ein
Durch Liebe ganz Verderbender
Gesteht in seiner Pein!

Vernimm, was Bosheit ausersann –
Ein Greis vertraute mir
     Das schreckliche Geheimniß an,
Verschied und ließ mich hier.

Es war mein Oheim, ach er war
Einst meines Vaters Feind;
Wir Beide, ein Milchbrüderpaar,
Wir waren früh vereint!

Da brachte listiger Verrath
Verwechslung bald zu Stand,
Die Amme wußte um die That,
Die Amme bald verschwand.

Wir Beide werden schnell getrennt
– Die Mutter ging zur Ruh –
Und Schadenfreudezähren flennt
Der Heuchler keck dazu.

Der Vater starb. Vor Monden erst
Erfuhr ich, was du jetzt
Zu deinem süßen Heil erfährst,
Was mich zu Tod entsetzt!

Gerungen hab ich wie ein Mann
Ein edler ringen mag,
Was sterbend ich entdecken kann,
Verhehlt ich Tag für Tag.

O Schwester! Braut! Geliebtes Herz!
Von uns wer hätte still
Ertragen diesen einen Schmerz –
Den Gott mir nehmen will!

Weh! mich verblendete der Gram.
Zerrüttet herzenstief
Von Leidenschaft und Schmerz und Scham
Schrieb ich den bösen Brief.

Mein Wahn war gut – ich dachte dich
Zumal an ihrer Seit;
Verachten, rief ich, soll sie mich,
Dann ist ihr Herz befreit!

Ich stürze mich ins Schlachtgewühl,
Ich suche die Gefahr,
Ich lebte ja, aus Pflichtgefühl,
Weil ich ein Kriegsmann war.

   O Lügenweisheit, Gott erbarm!
Ich armer Klügler jug
Sie der Verzweiflung in den Arm
– Ich war im Wahnsinn klug!

Nur fort, nur fort! du richte sie
Aus Thränen auf am Stab
Der Wahrheit, Wahrheit tödtet nie,
Doch Untreu wirft ins Grab.«

»Gott hats gewollt! Ach stirbst du schon?
Verzeihung mir und dir!
Leb wohl, du Held, du Schmerzensohn!
Laß diese Locke mir!«

Und Bernhard drückt »den Bruder« heiß
Ans Herz und stürmet fort;
Er reitet manches Roß in Schweiß
Bis er am rechten Ort.

»Getreu ist Ferdinand vom Trank!
Wach auf in deiner Noth!
Ein Bruderherz ist ohne Wank,
Getreu bis in den Tod.«

»Was thatest du? Was sprichst du irr?
Du blickst so siegeswild,
So fremd, ich fürchte mich vor dir
Steh Rede – Geisterbild!«

»Mein Eins und Alles auf der Welt!
Ich bins. Bin bei Verstand.
Vergiß, vergiß, was dich gequält!
Hier Bernhard, Ferdinand!«

»Was ist Vergessen! Welch Gebot
Dem Herzen öd und leer!
Mein letztes Hoffen ist der Tod,
Und sterben ist nicht schwer.«

»Du sollst nicht sterben! Lasse dir
Erzählen, was ich fand,
Was ich gethan, dann weinen wir,
Versöhnt um Ferdinand!«

Sie weinten um den Todten bald,
   Der ferne fern genest;
Sie fühlen jene Allgewalt,
Die Herzen, Schmerzen löst.

Sie haben lange stumm gekost,
Sie hängen Mund an Mund,
Und sanfter Liebe süßer Trost
Schließt ihren ewgen Bund.

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