2016-08-21

Gedichte von L. Eichrodt: Ein Poet (34)



Ein Poet

Kennt ihr den unglückselgen,
Den übermüthgen Mann,
Den wunderbaren, welchen
Niemand begreifen kann!

Ihr wißt, daß keinen Richter
Er über sich erkennt,
Und nennt ihn einen Dichter,
Wie er sich selber nennt.

Ihr lauschet seinen Tönen
Der Eine aber fühlt
Von allen Erdensöhnen
Wie Lorbeer brennt und kühlt!

Zugleich in Lust und Schmerzen
Ist er entzückt, betrübt,
Und oft vom selben Herzen
Gehaßt und heißgeliebt.

Sein Schicksal ist, zu schauen
Zukünftiges und doch
Am alten Räthsel kauen,
Doch ziehn im ewgen Joch.

Mit Träumen, mit Gedanken,
Mit Prüfung bester Kraft
Zu schwelgen oder kranken
In jeder Leidenschaft.

Was Alles einst empfunden,
Von Andern ward gelebt,
Ihm schlägt es frische Wunden,
Die er durchs Leben schleppt!

Und so ihm der Pelide
Vors Auge treten will,
Da weicht von ihm der Friede,
Er selber ist Achill.

Die Meergöttinnen klagen,
Er sitzt am Strand und weint,
Patroklos ist erschlagen,
Patroklos war sein Freund.

Er grollt, er weint, es schäumet
Hochauf das Meer, er starrt
Hinein, vergißt, versäumet
Den Wink der Gegenwart.

Erschrecket nicht, zu lesen
An seiner Stirn, daß er
Der Kain einst gewesen,
Und einst der Ahasver.

Der Menschheit tausendfältgen
Geheimsten Kummer muß
In seinem Selbst bewältgen
Der stolze Genius.

In seinem Busen sammelt
Sich auf das Weh der Welt,
Doch keine Demuth stammelt
Der narbenvolle Held.

Mit Trost sich selbst zu täuschen,
Zu göttlich, folgt er nur
Dem hellen Ruf der keuschen,
Der innersten Natur.

Die ihr so unanstellig
Ihn findet zum Geschäft
Des Tages, selbstgefällig
An Klugheit übertrefft.

Die ihr ihn sein bewitzelt,
Und meidet seinen Pfad –
O eure Seelen kitzelt
Sein Wort und seine That.

   Umsonst, daß ihr ihn heißet
Heil suchen anderwärts;
Was wollt ihr thun, ihr reißet
Aus seiner Brust das Herz!

Fürwahr ihm lohnt Verkennung,
So tief er fühlt und ringt,
Daß jeder Tag ihm Trennung
Auch von dem Liebsten bringt.

Auf seinen wilden Wegen
Kommt nimmermehr das Glück
Dem Schmachtenden entgegen
Mit Grüßen in dem Blick.

Ihm ist kein Seelensrieden,
Ihm ist nicht Ruh, nicht Ziel,
Kein Heimathland beschieden,
Kaum irgend – ein Asyl.

Von Wenigen verstanden,
Von Keinem ganz erfaßt,
Nimmt er den Stab zu Handen
Und will auch keine Rast.

So treibt es ihn, zu schweifen,
Unstäten Geistes Kind,
Und seine Früchte reifen
In Wetter und in Wind.

Sie reifen, wie die Sonne
Von Land zu Land von Pol
Zu Pol ihm Leid und Wonne
Ihm reifte Weh und Wohl.

Dann strömet seine Leier
So klare Töne aus,
Und nimmer kühner freier
Voll süßem Seelengraus!

Wohl tief, ach tief von innen
Entquillt der reiche Klang,
Sein Herzblut muß verrinnen
Mit jenem schönsten Sang.

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