2016-08-07

Goethes Briefe an Ch.v.Stein: 16.10.1779 (329)


(329) 

Sonntags den 10ten früh sahen wir eben den Staubbach wieder und wieder aus dem Pfarrhause an, er bleibt immer eben derselbe und macht einen unendlich angenehmen und tiefen Eindruk. Weil wir die Eißgebirge nicht selbst besteigen wollten, so schikten wir uns zu einem Stieg an auf einen Berg der gegenüber liegt und der Steinberg genannt wird. Er macht die andere Seite von einem engen Thal aus wo sie gegen über liegen, biss er sich selbst endlich hinten an sie anschliesst. Was man aus einer kleinen gedrukten Beschreibung des Pfarer Wittenbachs sehen kann will ich hier nicht wiederholen. Eine Weile steigt der Weeg über Matten, dann windet er sich rauh den Berg hinauf, die Sonne gieng uns über den Gletschern auf und wir sahen sie der Reihe nach gegen über liegen. Wir kamen auf die Steinbergs Alp, wo der Zingelgletscher an den Steinberg stösst, die Sonne brannte mitunter sehr heiss. Wir stiegen biss zum Ausbruch des Zingelgletschers und noch höher hinauf, wo vor dem Zingelhorn aus dem Eise sich ein kleiner See formirt. Horn heissen sie hier den höchsten Gipfel eines Felsens, der meist mit Schnee und Eiss bedekt ist und in einer seltsamen Horngestalt oft in die Luft steht. Wir kamen gegen drei oben an, nachdem wirs uns vorher auf der Alpen wohl hatten schmeken lassen. Es fällt mir unmöglich das merkwürdige der Formen und Erscheinungen bei den Gletschern iezt anschaulich zumachen, es ist vieles gut was drüber geschrieben worden, das wir zusammen lesen wollen und dann lässt sich viel erzählen. Wir verweilten uns oben, kamen in Wolken und Regen und endlich in die Nacht, zerstreut und müde in dem Pfarrhauss an, ausser Wedel und Wagnern, die schon früh Morgens ihres Schwindels wegen beizeiten umgekehrt waren.

Bern Sonnabends. d.16. Octb.

9 Uhr Nachts.

Vorstehendes dicktirt ich an Philipp noch in Thun, nun wird mirs unmöglich weiter fortzufahren. Die Weege stehen besser in der schlechtesten Reisebeschreibung, und was mir dabey durch den Kopf geht kan ich nicht wieder auflesen. Philipp soll also aus seinem Tagebuch abschreiben das will ich anfügen. Wenigs in einzelnen Worten von Bern, wenn ich zurück komme will ichs ausführen.

Gegend, Stadt, wohlhabend, reinlich, alles benüzt, geziert, allgemeines Wohlbefinden, nirgend Elend, nirgend Pracht eines einzelnen hervorstechend nur die Werde des Staats an Wenigen Gebäuden kostbaar pp. Mythologie der Schweizer. National Religion, Tell, die Berner Bären pp. 

Schallen Werck. War bey Aberli. Im Zeughaus. Naturalien Cabinet bei Sprünglein. Sinner, Tscharner Kilchberger. Prof. Wilhelmi. Vielerley über Hallern. Äuserer Stand pp. Gestern erst erhielt ich Ihren Brief vom 25ten Sept. So weit sind wir schon aus einander.

Die Wartensleben war nicht in Cassel ich fragte nach ihr.

Es wird noch eine Weile währen biss wir uns wiedersehn, indes Adieu beste. Ich komme nach allem doch wieder zu Ihnen zurück. Lavater schreibt mir»Bey der entsezlichen Dürre an lebenden Menschen kannst du dencken wies mir wohl thun wird mich an dir zu wärmen«. Und ich mag auch wohl sagen »Kinderlein liebt euch!« Wahrhafftig man weis nicht was man an einander hat wenn man sich immer hat. Adieu.


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