30.08.2016

L. Eichrodt-Lieder des Buchbinders Horatius Treuherz (31)



Lieder des Buchbinders Horatius Treuherz

Hochgeehrter Herr!

Wie Herr Pfarrer Klein mir dieser Tage erzählt hat, sind Sie beschäftigt, die
Gedichte meines sel. Freundes Biedermaier in einer auserlesenen Sammlung
herauszugeben. Ich bin mit Biedermaier von mütterlicher Seite her verwandt
und rührt es vielleicht daher, daß auch ich mich viel mit dem Dichtergeschäfte
abgegeben habe. Wir sind früher immer gerne zusammen gewesen, da die
Stadt, wo ich Buchbinder und großes Ausschußmitglied bin, nicht weit von
Biedermaiers Wohnorte liegt. Aber später haben wir etwas Stuß bekommen,
denn Biedermaier war eben wegen seines vorgerückten Alters nicht mehr zum
Fortschritte zu bewegen, und so sind wir bei der Landstandswahl im Jahre
1834, wo wir Liberalen den berühmten Maier damals durchgesetzt haben, als
Wahlmänner etwas hart aneinander gerathen. Denn er stimmte für den
Oberamtmann Müller, der doch keine solche Verdienste für Fürst und
Vaterland gehabt hat, wie der berühmte Maier, wo ja alle Zeitungen in Europa
damals nur von Maiers großen Reden gesprochen haben, und Biedermaier
nichtsdestoweniger nahm es auf sich, mir in's Gesicht Maiern einen
Unruhmacher, ja, meine Herren, solchen sogar einen Robesbier zu nennen,
welches fürchterliche Wort mehr als sieben Schwerter in uns gefahren ist.
Denn man hat seit der Zeit, Gottlob, wohl einsehen können, wie gut es der sel.
Maier mit der Regierung ebenso, wie mit dem Volke gemeint hat, und wie
groß sein Unterschied von denjenigen war, die in den letzten Jahren das liebe
Vaterland und alles Gesetz und Ordnung mit verruchten Füßen
darniedergetreten haben. Maier hat nur gewollt, was ich auch gewollt habe,
und was Sie, meine Herren, gewiß auch gewollt haben, und was Alle gewollt
haben, und was wir jetzt auch besitzen, nämlich, keine Censur.
Es würde mich nun freuen, dem Geschiedenen über das Grab hin die Hand
zu reichen, indem Sie von meinen Gedichten die schönsten auswählen und
denen des edlen Mannes verschwisternd beifügen. Ich gebe Ihnen meinheiliges
Ehrenwort, daß es keine niedrige Ehrsucht ist, die mich treibt, sondern einzig
und allein die Liebe zu der Dichtermuse und dem sel. Freunde, sowie der
Umstand, daß man jetzt nicht mehr so zu sorgen braucht, daß Einem seine
besten Sachen durch die Censur verhunzt werden.

Mit Achtung ergebenster

H. Treuherz, großes Ausschußmitglied


alle Gedichte der Sammlung                                                                                                weiter


alle Gedichte nach Themen

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de