14.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 29.03.1822 (390)



390. An Goethe 29.03.1822

Berlin, 29. März 1822. 

Zuvörderst habe eine Unzahl von Grüßen abzustatten: ad 1. von unserm Kronprinzen, meinem gnädigen Herrn. Im Herausgehn aus dem Theater ward ich gestern abend von ihm angehalten und zwar mitten im Gange: Was Du denn machtest? ob Du lange nicht geschrieben habest? warum Du denn gar kein Verlangen merken ließest, nach Berlin zu kommen?

Viele andere Zuhausegänger waren gleichfalls durchs Gedränge aufgehalten, ich konnte nicht aus noch ein und antwortete vor aller Welt: daß ich die nämlichen Klagen über Dich zu führen hätte und endlich nach langem Sinnen erst in meinen alten Tagen darauf gefallen wäre, zu Dir zu kommen, was sich wohl schicke, aber für mich viel zu kostbar sein würde, wenn ich nicht was davon hätte. Für einen so alten Knaben wie Du sei das Reisen doppelt kostbar, in frühem Jahren würdest Du vielleicht vor eigenen Türen zu fegen gehabt haben.

Dann trat der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz heran, gab mir 1000 Grüße für Dich auf (worüber ich mir ein recipisse ausbitte), lobte das eben gesehne Ballett als würdig, auch von Dir gesehen zu werden, und sonst noch. Ferner die Fürstin Radziwill mit gewohnter ewiger Anmut und ruhiger Teilnahme; endlich der Fürst, und was sonst im Schweif dieser Gestirne bewegsam ist.

Das Ballett ist nun in der Tat zu loben, schon wegen lebendigen Eingreifens, um durch drei nicht kurze Akte die Aufmerksamkeit festzuhalten. An Stoff ist Überfluß.

Aline, ein provenzalisches Hirtenmädchen, ist mit einem Jüngling ihresgleichen, Saint Phar, verlobt, den der Krieg entfernt, worin er sich als Soldat hervortut und zur Würde eines Generals gelangt.

Während des Krieges wird Aline von Korsaren nach Golkonda entführt, wo ein steinalter König ohne Nachkommenschaft regiert, sie ihren Räubern abkauft und an Kindes Statt annimmt.

Golkonda leidet an Leibschmerzen. Der erste Minister des Königs, ein Mahratte, hegt Ansprüche auf die Thronfolge, und wie diese abgewiesen sind, erregt er innere Unruhen.

Aline beträgt sich gegen ihren Pflegevater wie eine echte Tochter und zeigt bei großer Anmut entschiedenes Regententalent. Das Land nimmt sich auf, genießt Ruhe und Achtung anderer Mächte.

Der alte König ist gestorben, nachdem er vorher Alinen die Krone aufgesetzt hat, und nun glaubt unser Mahratte der jungen Königin seine Hand antragen zu dürfen, die — ausgeschlagen wird.

Darüber sinnt er auf Rache und wiegelt das Heer auf, sich nicht von einem Weibe regieren zu lassen.

Eben jetzt kommt eine Gesandtschaft der französischen Regierung in Golkonda an, um vorteilhafte Freundschafts-und Handelsverbindungen zu eröffnen.

Der Gesandte ist kein andrer als Saint Phar, und die Königin zuerst erkennt ihren Verlobten. Sie ist außer sich und in Gefahr, den Wieder gefundenen zum zweiten Male zu verlieren.

Sie empfängt ihn auf ihrem Throne, verschleiert; findet ihn so liebenswert als jemals und wünscht ihn auch so treu. Es wird auf Prüfungen gesonnen. Die Verhandlungen nehmen ihren Anfang, dabei muß eine Vertraute die Königin vorstellen, sie selbst mischt sich in die Dienerschaft, streift von Zeit zu Zeit an Saint Phars Auge vorbei, der sein Geliebtestes zu erkennen glaubt und unruhig wird.

Um sich ihres ehemaligen Standes zu erinnern, hat sie ihren Garten zu einer Landschaft umgebildet, ihrem Geburtsorte ähnlich, und in der Nähe die Geburtshütte Saint Phars.

Dieser, erstaunt über die Ähnlichkeit, erblickt in der Entfernung sogar sein Hirtenmädchen, die ihm jedoch auszuweichen weiß.

Unterdessen ist des Mahratten Plan reif, und bei einem Feste, das die Königin dem Gesandten gibt, dringen die Rebellen vor, die Königin zu ermorden und ihren Anführer auf den Thron zu setzen.

Saint Phar, unbewaffnet, reißt einen Degen an sich, versammelt seine Leute und haut dermaßen ein, daß die Rebellen in kurzem überwunden herbeigeführt werden.

Die verstellte Königin weiß ihren Dank nicht anders zu zeigen und bietet dem Überwinder Hand und Thron von Golkonda. Diese hohe Gnade wird abgelehnt. Ein Vorhang geht auf, und die wahre Königin Aline auf dem Throne, ohne Schleier, wird von Saint Phar sogleich erkannt, und nun — eine Hochzeit.

Gründonnerstag. Den 4. April. Soeben kommt Dein lieber schöner Drachenbrief vom 31. März an und nimmt dem »Messias«, womit ich heut und morgen noch geschäftig bin, eine glückliche Stunde ab. Das Bild habe ich mir gut genug gemerkt, um Deine Erklärung vollkommen damit übereinstimmend zu finden; besonders was von der Gewitterwolke gesagt ist, hat mich ergötzt, weil diese nächst der schönen frommen Mädchengestalt mich am mächtigsten anzog. Hätte ich die Blätter nur besser erhalten schicken können, bei mir sind sie jedoch nicht verdorben; so magst Du denn vorliebnehmen, insofern es das Beste ist, was ich von der Art habe. Könnte das Alter jung und die Jugend alt sein, so hätte ich Dir Unendliches senden können; denn damals hätte ich beinahe das Aussuchen gehabt, nur nicht den Verstand.

Nun habe denn auch Deinen Rat befolgt und meiner kleinen Lebensbeschreibung nähere Umstände meiner Lehr- und Gesellenjahre angefügt; sogar habe eine Kopie meiner Zeichnung, welche sich der Sohn des damaligen Altmeisters, in dessen Wohnung ich meine Aufgaben auszuarbeiten hatte, abgezeichnet hat, aufgefunden. Auch mein Testimonium, mein Bürgerbrief, meine akademische Matrikel sind wieder da: alte Späße, woran ich außerdem nicht mehr gedacht hätte. Du nimmst teil daran, und das ist mir Ehre die Fülle. Ich wollte es Dir wohl senden, doch kann ich nicht verlangen, daß Du das ganze Heftchen, das zu einer Bogenzahl angewachsen ist, noch einmal durchackerst. Magst Du Dir’s stückweise von unserm schönen Ulrikchen bei Tische vorlesen lassen, vielleicht magst Du wohl gar Deiner und meiner verehrten Hoheit einiges zu genießen geben, was sich etwa für solche Dame schickt. Es soll nächstens erfolgen.

Ostersonnabend. Unser »Messias« ist gestern abend wie ein Prachtschiff vom Stapel gelaufen und hat sich nun wieder auf ein Jahr ein Bette gegraben. Der Saal war gedrückt voll, und ich denke gegen 1000 rh. gewonnen zu haben. Auch meine Zuhörer schienen zufrieden, was auch was wert ist, wenn man wiederzukommen gedenkt.

Dein

Z.

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