04.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 21.02.1822 (385)



385. An Goethe 21.02.1822

Berlin, 21. Februar 1822. 

Soeben haben wir zwei Stücke fast dicht hintereinander gesehn, die sich nach Stoff und Wesen unwillkürlich vergleichen: Shakespeares »Romeo und Julie« und Calderons »Schwere Wahl«, das letztere von unserm Wolff mit unsäglichem Fleiße bearbeitet.

Ein Ritter und treuer Diener seines Fürsten liebt ein Fräulein, das er nach 3jähriger Abwesenheit von seinem Fürsten leidenschaftlich geliebt und damit Ursache zur Eifersucht findet, wodurch denn die treue Geliebte von zwei Seiten geplagt ist.

Die Intrige besteht darinne, daß der Fürst in seinem treuen Diener seinen unbekannten Nebenbuhler heftigst verfolgt und diesen beauftragt, den unbekannten Feind auszumitteln.

Der Held, gleich seiner Geliebten von zwei Seiten gedrängt, bringt endlich seiner Rittertreue seine Liebe zum Opfer, und der Lohn seiner Treue besteht in der Resignation des Fürsten.

Der Exposition dürfte man mehr Klarheit wünschen, denn das Stück bleibt auch nach der Auflösung problematisch.

Wegen Wolffs, der sehr in Gunsten steht, ist das Stück mit Beifall aufgenommen, und man wird ja sehn, ob sich’s hält.

Da man zwei Tage vorher »Romeo und Julie« gehabt hatte, so ist solche Nachbarschaft so gefährlich, als Pflicht und Liebe miteinander im Streite nur werden können.

Etwas mag in der Bearbeitung liegen, doch hast Du im letzten Stücke von »Kunst und Altertum«, Seite 130, den Calderon so gut ausgelegt, daß wir keines weitern Zeugnisses bedürfen.

Nun danke denn auch schönstens, wie Du im neuen Hefte meiner Liedchen so freundlich gedacht hast. Die Wirkung läßt sich schon spüren, indem ich meine letzten Exemplare verschenken muß, um mich solchen Anteils würdig zu zeigen.

Fräulein Huldreich wird nun wohl bei euch angekommen sein. Sie hat mein Häuschen aufs anmutigste belebt, das nun wieder ganz still auf einen noch schlummernden Garten hinblickt, wo sich schon manches grünende Blättchen hervortut.

Dr. Seebeck, den ich soeben gesprochen, harrt mit Ungeduld auf das nächste Stück der »Morphologie«. Der gute alte Professor Fischer kündigt Lektionen an, in welchen er sich weitschichtiger über den Gegenstand vernehmen lassen will, als es in einer Vorlesung gegen Dich geschehen sei. Man scheint übrigens schon zuzugeben, daß der große Brite irren können und den Stoff für das Element genommen habe.

Schubarth geht soeben von mir, um nach Breslau zu reisen, von wannen er nach Berlin zurückkommen will, wo auch er erfahren hat, daß man hier mit Gegenfüßlern spazierengeht.

Nun lebe wohl, mein Allerliebster: es ist Posttag; sonst bleibt das Blatt wieder liegen.

Dein

Z.

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