18.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 08.08.1822 (393)



393. An Zelter 08.08.1822

Und so war es recht, daß in den fremden frommen Landen Du die Rede zuerst wieder an mich richtetest; dagegen soll abermals die sauberste Abschrift in weniger Zeit erscheinen. Wenn ich vergangnen ganzen Winter, dasjenige im Manuskript redigierend, im Druck revidierend, was Du jetzt verschluckst, stets an Dich dachte, so vergiltst Du mir’s durch die lieben Blätter, die mir auf ewig den Wunsch, Herrnhut in seiner Individualität zu sehen, vollkommen befriedigten. Nun, so sei es denn! Der schneeweiße Saal (nach Werners unschätzbarem Narrensonett »in Christi Blut rein gewaschen«) soll nun von mir, und wenn ich noch so mobil wäre, nicht betreten werden.

Von meinem Neustgedruckten sollen saubre Exemplare bald nachfolgen; besonders das Morphologisch-Wissenschaftliche, in zwei Bände geordnet, wo es eher nach etwas aussieht.

Für Dich ist mir übrigens nicht bange: Deine Natur weiß zu assimilieren, worauf doch alles ankommt. Verstünde man seinen Vorteil, man würde nichts Überliefertes tadeln, sondern, was uns nicht anmutet, liegen lassen, um es vielleicht künftig aufzunehmen. Dies begreifen die Menschen nicht und behandlen den Autor wie einen Garkoch; dafür liefert man ihnen denn auch Jahrmarktsbratwürste nach Herzenslust.

»Anders lesen Knaben den Terenz,
Anders Grotius.«
Mich Knaben ärgerte die Sentenz,
Die ich nun gelten lassen muß.

Lese ich heute den Homer, so sieht er anders aus als vor zehen Jahren; würde man dreihundert Jahre alt, so würde er immer anders aussehen. Um sich hievon zu überzeugen, blicke man nur rückwärts: von den Pisistratiden bis zu unserm Wolf schneidet der Altvater gar verschiedne Gesichter.

Übrigens ist mir höchst erfreulich, daß er (genannter Freund) nicht verbrannt noch vom Fieber aufgespeist ist, denn ich mag ihn über der Erde nicht gern entbehren. Seinesgleichen kommt auch nicht wieder. Hätte ihn Gott zu so vielem noch freundlich gewollt! — Doch wie soll das alles beisammen sein, was sich widerspricht!

Daß Du meine Behandlung der schmutzigen Kampagne billigst, freut mich sehr. In einer solchen Tragödie den Grazioso zu spielen, ist immer auch eine Rolle.

Nun zum Nächstvergangnen! — Am 19. Juni gelangte ich nach Marienbad, bei sehr schönem Wetter. Herrlich Quartier, freundliche Wirte, gute Gesellschaft, hübsche Mädchen, musikalische Liebhaber, angenehme Abendunterhaltung, köstliches Essen, neue bedeutende Bekanntschaften, alte wiedergefunden, leichte Atmosphäre zweitausend Pariser Fuß über der Meeresfläche, Stiftsgelage pp., alles trug bei, das drei Wochen daurende schöne Wetter vollkommen zu benutzen, zu genießen und das folgende unfreundlichwechselnde zu übertragen. Nach der ausdaurenden Trocknis des Mais und Junis gönnte man dem Landmann erquicklichen Regen.

Erfahren hab’ ich manches und notiert, anderes Mitgebrachte redigiert und gereinigt, so daß bei meiner Rückkunft der Druck wieder angehn kann, wodurch ich denn abermals den leidigen Winter zu betrügen denke.

(Da ich indessen einen guten Schreiber gewonnen, der mir sehr fehlte, so möge derselbe fortfahren.)

Der größte Gewinn aber, den ich in diesen Tagen zog, war die persönliche Bekanntschaft des Herrn Grafen Kaspar Sternberg, mit dem ich schon früher in brieflicher Verbindung stand. Von Jugend auf dem geistlichen Stande gewidmet, gelangte er endlich zur Stelle eines Domherrn zu Regensburg; dort gewann er, neben Welt- und Staatsgeschäften, die Natur, besonders das Pflanzenreich lieb und tat viel dafür. Als er nun bei Umkehrung Deutschlands auch von seiner Stelle vertrieben ward, ging er nach dem Mutterlande Böhmen zurück und lebt nun teils in Prag, teils auf seinen von einem ältern Bruder ererbten Gütern. Hier kommt ihm dann die Natur wieder freundlich zu Hilfe. Er besitzt wichtige Steinkohlenwerke, in deren Dach die seltsamsten Pflanzen erhalten sind, welche, indem sie nur der südlichsten Vegetation analoge Gebilde zeigen, auf die entferntesten Epochen der Erde hinweisen. Er hat schon zwei Hefte derselben herausgegeben; lasse sie Dir gelegentlich von irgendeinem Naturfreunde vorlegen.

Und so möge denn auch dieses Blatt glücklich hinüberfliegen! Vielleicht schreib’ ich noch einmal von hier, von Hause aber gleich.

Möge Dir alles wohlgeraten! Mir geht es nach Art, Jahren und Weise noch immer gut genug.

Treulichst

Stadt Eger, den 8. August 1822. G.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de