2016-09-04

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 05.02.1822 (384)



384. An Zelter 05.02.1822

Mit aufrichtigem, tausendfältigem, aber eiligem Dank für die gute und liebevolle Bewirtung des lieben Kindes sende Dir durch Herrn Rellstab ein Heft, welchem eine freundliche Aufnahme hoffen darf. Ich erquicke mich noch am Andenken unseres neulichen Zusammenseins; durch solche Tage wird gar viel gefördert.

Meinen Winter bring’ ich beinahe in absoluter Einsamkeit zu, diktiere fleißig, so daß meine ganze Existenz wie auf dem Papiere steht; zu Ostern sollst Du allerlei zu lesen haben. Hören und reden mag ich nicht mehr, sondern vertraue wie des König Midas Barbier meine Geheimnisse den verräterischen Blättern.

Das lebendige Karneval wird Dich wohl auch im Atem erhalten, manches davon wünschte wohl an Deiner Seite zu genießen. Grüße Herrn Schinkel zum allerschönsten und danke ihm, daß er dem guten Kinde das Theatergebäude im einzelnen vorzeigen wollen; sie wird mir, hoffe ich, aufs treulichste bei Tische referieren.

Grüße Dorchen und rühme sie für die Teilnahme an Ulriken; auch Felix sag’ ein gutes Wort und seinen Eltern. Seit eurer Abreise ist mein Flügel verstummt; ein einziger Versuch, ihn wieder zu erwecken, wäre beinahe mißlungen. Indessen hör’ ich viel von Musik reden, welches immer eine böse Unterhaltung ist.

Lebe wohl in Deiner Berliner Herrlichkeit und denke meiner, der ich im sonnigen Hinterstübchen Deiner nur allzuoft gedenke.

Treulichst

Weimar, den 5. Februar 1822.             G.

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