25.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 14.01.1823 (398)



1823

398. An Goethe 14.01.1823

Will ich mich nicht Lügen zeihen lassen, so muß ich um der Einlage willen schreiben.

Anfolgendes »Ultimatum«, womit Er eigentlich erst recht anfangen will zu leben, ist, wie Du lesen wirst, nur für mich ausgefertigt, ist zu sagen: um es an den rechten Mann zu bringen.

Eigentlich hatte ich keine Lust, es Dir zu schicken, auch hatte er es anderweit an Langermann, an Varnhagen und an wem noch mitgeteilt; so konnte er es auch Dir schicken, ohne Eure gegenseitige Zärtlichkeit, die nicht einmal eines Briefwechsels bedarf, zu kränken. Allein er verlangte sein Autographum von mir zurück, und da ich merkte, daß er doch nur daran spitzen und schnitzen wollte (wie er wirklich getan hat), so ließ ich sagen: ich hätte es in gute Hand gegeben. Nun will er selber an Dich schreiben, da mußt Du denn wissen, wovon die Rede ist.

Übrigens muß ich ihm nachrühmen, daß er sich jetzt in Absicht Deiner wie ein Mann ausnimmt.

Das belobte Bild hat er in einem Lackiererladen aufgestellt gefunden und gekauft. Es ist auf Blech in 01 gemalt, nach dem J agemann’schen Profile, und kaum so gut als seine Verse, die beinahe soviele Ichs, Michs und Mirs enthalten als Zeilen.

Des letzten Umstandes erwähne nur, weil er einst eine Anmerkung machte über Deinen Briefstil, wo dann und wann das Ich und Mich und Mir unwillkürlich ausgelassen ist, um die Reibung der Konsonanten zu vermeiden, wie jeder tut, der ein Ohr für Wohlklang hat.

Humboldt hat ihm gesagt, das Bild sei eine Fratze.

Dein Brief vom 14. Dezember ist mir ein rechtes Labsal. Die Verse sind unschätzbar. Ich habe sie oft genug gelesen, um ihnen ihre Station abzugewinnen. Vor der Hand sind sie in Form eines Gedanken- oder Briefwechsels entworfen und mögen so ein Weilchen ruhen.

Unterdessen laß Dir das »Sträußchen« gefallen, das wie ein Sphinxchen der Feder entschlüpft ist und schon ein Weilchen herumgeflattert hat. Ich will nicht hoffen, daß es sich wieder verpuppe.

Für das letzte Stück »Morphologie« danke schönstens, erinnere Dich aber zugleich Deines freiwilligen Anerbietens, mir das Morphologisch-Wissenschaftliche in zwei Bände geordnet bereiten zu lassen.

Du glaubst nicht, wie schön sich die drei Bände »Kunst und Altertum« auf meinem Schäppchen ausnehmen. Da tritt man von Zeit zu Zeit heran, bekuckt es, schlägt auf, nimmt eine Prise daraus und setzt wieder hin. So lebe ich von einem Tage zum ändern in lauter Gedanken von Dir und an Dich.

Die Fasanen haben gut gegengehalten. Freunde wie unser Geheimer Rat Wolf und Professor Hegel haben sie auf Dein und Deines Hauses Wohl verzehren helfen.

Alexander Humboldt ist mit dem Könige von Italien zurückgekommen und hat genug zu erzählen, daß ich ihn nur einmal erst gesprochen habe. Wir hoffen ihn wenigstens den Winter hier zu behalten, wenn er den Kammerherrndienst solange aushält.

Lebe wohl! Berlin, 14. Januar 1823.

Dein

Z.

(Beilage)

Teuerster Freund, wieder seit dem 28. November an 10 Tage lang fast ebenso krank gewesen als im vorigen Frühling. Doch nun gewesen der Arzt half rasch, da eine Lungenentzündung auf dem Wege war. Von der Genesung hiebei ein Lebenszeichen, aber nur für Sie ad statum legendi. Mündlich mehr davon.

Ihr

7. Dezember 1822. W.

Ultimatum

Vor einem neuen Bildnis Goethens, 
von dem Maler Franck zu Berlin auf gestellt.*
— u — u u — u — u — u u — —
Endlich schau’ ich dich wieder, Götterjüngling!
Sei mir würdig gegrüßt, du Hochgeliebter,
Deß so sprechendes Bild ich stets vermißte,
Das mit Zaubergewalt um sechsunddreißig Jahr’ 
in eigene Jugend mich zurücktäuscht 
Und des Alters verhaßte Schwell’ hinweghebt.
Ja bei längerm Beschauen fühl’ ich innig
Mich an Körper und Geist so ganz wie damals,
Als zuerst ich dich sah und lieben lernte.

Nie nun rücket dies Bild von meiner Seite;
Es mag lindern der weiten Trennung Sehnsucht; 
Freundlich weil’ es um mich mit dieser heitern Stirn, 
dem sinnigen Aug’, und bis zum letzten 
Tage spreche sein Mund mir Lebensmut zu.

* Den Verfasser überraschte, da er eben solch einer Freude höchst bedürftig war, dies Ölgemälde, das den alternden Dichter ihm fast in derselben Gestalt wieder darstellte, wie er ihn seit 1786 nicht außer sich gesehen hatte. In jenem Jahre war es, wo der Verfasser in seinem siebenundzwanzigsten ihn, der in der kräftigsten Blüte strahlte, zu Jena kennen lernte, auf der Büttner’schen Bibliothek, wo sich bald ein langes Gespräch über die Aufstellung der unlängst angekommenen Bücher und über Bücherwesen und unwesen überhaupt anknüpfte, ein Gespräch, woraus ihm noch manche geistvolle Ansichten gegenwärtig blieben bis in die neueste Zeit, wo er die jenaischen und weimar’schen Bibliotheken nach gleichen Grundsätzen geordnet und vereinigt sah. Späterhin entstand ihm dann eine nähere Verbindung mit Goethe, die bald bei der Nähe der beiderseitigen Wohnorte etliche glückliche Jahre hindurch bis zu einer Freundschaft gepflegt wurde, die seitdem nicht einmal eines Briefwechsels bedarf.


Berlin, den 1. Dezember 1822. W.

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