14.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 26.06.1822 (392)



392. An Goethe 26.06.1822

Pfingsten 1822. Die verfluchten Postchaisen sind so niedrig, daß, wenn sie oben ein Loch hätten, man sich bequem in der Welt umsehn könnte. Obschon ich nun die Männermützen ebenso lieb habe wie die Mützenmänner, so habe ich mir in Görlitz eine schöne Mütze gekauft, um nicht mehr wie eine Hypotenuse im Wagen zu sitzen und zu schwitzen, und so bin ich nun hier in Herrnhut — ein Herr ohne Hut.

Wie ich hierher gerate, mag Zeit und Gelegenheit lehren, genug, ich denke das ganze Fest hier zu verleben; man ist ja doch unter Christen, sollten sie sich auch in ihrer Knechtsgestalt etwas höher anschlagen als der Herr selber.

Das erste, was ich gestern mittag beim Eintritte in dies einzige Gasthaus tat, war, mich an den gedeckten Tisch zu setzen. Nicht lange darauf kamen ein paar muntere frische Mädchen böhmischer race angefahren, von denen die jüngste allerliebst war.

Ich bat den Kellner höflichst (denn hier ist an der Abtrittstür höflichst gebeten, die Brille nicht zu beschreiben), ihnen an meinem Tische, wo eben 2 Plätze offen waren, zu servieren.

Sie waren offen und gesprächig, daß ich fast glaubte, mein Glück bei der Jüngsten wagen zu dürfen, indem ich ihnen proponierte, mit mir nach Dresden zu gehn.

»Ach, wir danken sehr«, sagte die Älteste, »wir müssen heut noch an Ort und Stelle, wo wir erwartet werden; wir haben nur einen kleinen Umweg genommen, um das schöne Herrnhut zu sehn; wir gehn nach Marienthal.« — Das ist ja ein Kloster; was haben Sie denn da zu schaffen? — »Dahin eben will ich, um dort Profeß zu tun.« — Sie beide wollen Ihre anmutige Jugend der Welt entziehn? — »Verzeihen Sie, ich allein. Meine Schwester begleitet mich und geht wieder nach Böhmen zur Mutter zurück.« — Und das ist Ihr entschlossner Ernst und Wille? — »Jetzt oder nie! Ich habe die Welt lieb und das Kloster noch mehr, und ist ja nicht außer der Welt.«

Sie schien geliebt zu haben, ja zu lieben; Ton und Tempo ihres ganzen Wesens verriet eine Leidenschaft. Ein Bruder von der Gemeine, der am ändern Tische saß, näherte sich und sprach Böhmisch mit den Mädchen, und da sie beide auch hier sogleich einhakten, ging ich auf mein Zimmer. Um 11 Uhr. Jetzt komme ich aus der zweiten heutigen Predigt. Das alles wußte ich, manches glaube besser zu wissen, wenigstens anders, und doch — was ein abstruses Wesen, mit Begeisterung vorgetragen, wirken kann, ist mir abermalen klar worden. Alle Spekulanten treffen sich auf Einem Markte beisammen.

Beide Männer sprachen so geschickt, eindringlich, ja frei, daß sich der Glaube meldet, indem sich das Herz öffnet, und hätte der Organist Jeschke seine Doppelschläge an sich behalten und weniger oder nicht gequirlt auf seiner Orgel, die aus lauter Flötenregistern besteht und kein einziges Rohrwerk hat, so wäre ich für diese Festzeit ganz gewonnen worden. Die Gemeine sang den Choral »Komm, heil’ger Geist« bescheiden, andächtig, rein und mit Erhebungen, wie sie dem Liede zukommen.

Abends nach 9 Uhr. Nun komme ich heut zum dritten Male aus der Predigt und habe die Pfingstliturgie mitgesungen, die freilich prosaisch ist. Man entschuldigte sich: sie sei zu lang. Ich nahm die Sache in Schutz auf meine Weise:
Nichts ist lang oder kurz, was recht und der Intention gemäß ist, und die Welt weiß schon abzukürzen, man braucht’s ihr nicht zuvorzutun.

Man hat mir eine Missionspredigt gegeben. Was ich gelesen habe, ist mit Beredsamkeit, ja mit Glut geschrieben, nicht bloß für Heidenvolk und Stockmenschen.

Der Anblick des Bethauses hat mich frappiert. Der große Saal kreideweiß angestrichen, Fenster weiß verhängt, alle Frauen kreideweiß angezogen, spalierartig nebeneinander sitzend — ich fühlte mich wie unter Abgeschiedenen, Auferstandenen, schauerlich.

Die Stadt ist heiter, gerade, reinlich und ermangelt nahen Wassers, das kostbar muß hergeleitet werden. Die Lage ist ein gesundes weites Tal, rings von bequemen Bergen umgeben. Straßen wie die Landstraßen sind mit hunderteckigen Basalten gepflastert und den Füßen wenig zutulich. Ordnung, Zucht und Stille feierlich. Auch ist Feiertag. Eine weite Enge. Mir ist wunderlich dabei. Man sieht niemand auf der Straße. Eine Frau oder ein Mann läuft unbegleitet wie eine Kegelkugel über den Platz hin, dem Bethause, dem Schwester[n]-hause, dem Brüderhause zu. Man redet nicht miteinander, niemand bleibt stehn, niemand sieht sich um; an keinem Fenster wird man jemand gewahr. Nur wenn die Glocke schlägt, eilt man gruppenweise zum Bethause, weil es mit dem Schlage anhebt und fast mit dem Schlage vorüber ist.

Pfingstmontag. Gestern abend um 10 Uhr (eine Stunde nach der Liturgie) ging einer, königlich besoffen, tobend in lustigem Ärger, den Platz entlang, durch die Straßen. Das wäre Einer auf Einen Tag. Heute wollen wir wieder hinhorchen: ob wohl 365 fürs Jahr herauskommen mögen.

Beispiele von Verbrechen gibt’s auch. Ein Brandstifter hat dem Kriminalgerichte den Gefallen getan, sich aus Reue über seine Missetat selber zu erhängen; ob man immer so wohlfeil davonkommt, habe ich nicht nachgefragt.

Schöne Menschen sind mir noch nicht vorgekommen, was freilich unnötig wäre. Man sieht sich nicht an, man redet nicht miteinander, fast scheint es ein Sittengesetz zu sein.

Dagegen sieht man unbegreifliche Abgestalten, besonders weibliche; man sollte glauben, sie wären aus mythologischen Geschlechtsvermischungen erzeugt.

Eine alte preußische Offizierdame wohnt unter einem Dache mit mir. Sie ließ mich gestern zu sich einladen. Nach dem Abendessen ging ich auf ihr Zimmer. Es ward über die heutigen Predigten gesprochen; es ward gefragt: ob ich gewisse Bücher kenne — die mir auf mein Verneinen sogleich verehrt wurden. So klopft man einen alten Hengst den Hals, wenn man ihm aufsitzen will. Solange sie keine hübsche Mädchen zu Missionarien haben, werden sie mich schwer überwinden.

Von Toleranz wird gesprochen: ein Wort, das ich nicht leiden kann. Als wenn man einander nicht ertragen müßte\ Aus dem allen siehst Du, mein Guter, daß ich von der Tollenranz was verstehe, mein Appetit mag sich anstellen, wie er kann. Alt muß man hier sein, denn geht’s an. Das junge Volk nimmt sich wunderlich aus.

Der Gottsacker, hart an der Stadt, nimmt sich aus wie ein Spargelfeld. Geschichtet liegt das liebe Fleisch; jedes Stück hat seinen Stein, worauf Name, Geburt- und Todestag eingegraben sind. Solche Ordnung lockt wohl manchen in dies Leben, um nur unter diesen tot zu sein; der Mensch ist ein närrischer Kerl.

So wie die Menschen, so ist denn auch anderes hier unter der Schere gehalten. Die schönsten Linden, vier- und fünfeckig gestutzt, grünen, blühen und duften und lassen sich machen. Will man gerecht sein, so muß man finden, daß die Leute wissen, was konsequent heißt. Wer hier geboren oder gewöhnt ist, muß sich ohne Zweifel hier sicherer als anderswo finden.

Jetzt halb g Uhr ist Morgensegen. Den meinigen habe ich bereits abgehalten, und ich sitze hier und schreibe.

Vor dem Brüderhause, das ich aus meinem Fenster beobachte, finden den ganzen Tag Versammlungen statt, und selbst während der Betstunden ist der Platz nicht ganz unbesetzt. Sie scheinen der allgemeinen Aufsicht geeignet zu sein, indem man von hieraus das ganze Örtchen fast wo nicht übersieht, doch überhört.

Das Haus, worin ich wohne, ist das einzige Wirtshaus im ganzen Orte: eine vollkommene Einrichtung. Unten im Hause hält ein Jäger Aufsicht, der einzige Mensch, der hier ein Seitengewehr und Epauletten trägt. Auch dieser ist ausschweifend höflich, indem er jedem aus dem Wege tritt und mit Kutschern und Bedienten im vertraulichen Vernehmen ist.

Die Art, wie ein empfohlner Fremder hier auf genommen wird, ist: Man bittet ihn halb 2 Uhr nach Tische zum Kaffee. Nach dem Kaffee folgt Limonade, Früchte, wie sie die Jahrszeit gibt, und dergleichen. Da eben keine Jahrszeit ist, so erfolgten gestern Apfel, die hatten Runzeln, wie die schönste der Schwestern sie nicht besser wünschen könnte, wenn nicht alles schon aufs beste bedient wäre.

Doch muß man sagen, daß die hiesige ganz weiße Tracht den Matronen günstig ist wegen der Nettigkeit und Reinlichkeit.

3. Pfingsttag. Gestern abend habe das Schwesternhaus gesehn. Die Oberpflegerin und Ortsherrschaft, Gräfin Einsiedel, und die Hausvorsteherin, Schwester Fabricius, führten mich in Person allenthalben umher; auch der Schlafsaal von 150 Betten ward nicht vorenthalten. Die schönste Person, die ich hier gesehn habe, ist diese Schwester Fabricius: wohlgewachsen, fest, groß, eine 3oerin. Anderswo hätte ich sie für einen verkleideten Mann gehalten. Oberlippe und ein starkes Kinn spiegelglatt spielen ins Blau; ich glaubte Bartwurzeln zu bemerken, wie denn die Kinne der meisten Schwestern behaart sind. Durch ein munteres gefälliges Wesen hat diese würdige Person in der Tat einen Eindruck gemacht.

Nachher war ich zum Tee bei meiner Hausgenossin, der Frau v. Döberitz, wo ich die Oberpflegerin und den ganzen Park der Oberschwestern ohne eine einzige andere Mannsperson beisammen und die Unterhaltung über Erwarten belebt fand. Sie hatten mich in der Tat dreist gemacht und eben war ich im Anlauf, mein Geschütz spielen zu lassen, als die Glocke 8 Uhr schlug zum Abendsegen. Man ging zum Bethause und ich auf mein Zimmer, allwo ich 6 Gänseeier verzehrte.

Bautzen. Abends. Ich bin davongelaufen. Um 11 Uhr, als ich aus der Predigt kam, bestellte ich mir sogleich die Pferde, aß einige Bissen, und nun bin ich schon 2 Stunden hier. Das halte aus, wer kann: auf den Abend wollten sie mir noch Konzert machen — Nein! das geht nit!

Zwischen Herr[n]hut und Löbau lag ein Kerl auf dem Rade, nicht weit von seinem eigenen Hause, worin noch heut seine Frau und seine beiden Töchter wohnen.

Bei Hochkirchen habe das Blutfeld gesehn, wo der tapfere Keith geblieben ist, und ein marmornes Monument, das ihm sein König gestellt hat.

Die böhmischen Bergreihen sind unter allerlei Gedanken an mir vorübergegangen; hätte ich Dich in Teplitz gewußt, wer weiß, ob ich widerstanden hätte. — Abends. Bei meiner Ankunft hier in Bautzen fand ich die ganze Stadt in emsiger Bewegung: Ein vor manchen Jahren verstorbener hiesiger Einwohner hat eine Stiftung gemacht, derzufolge an jedem 3. Pfingsttage einige 100 Taler — groschenweis an die Armut ausgeteilt werden. Die Handlung geschieht unter Orgelspiel und Trompetenschall vom Stadtturme. Der Organist (Bergt), den ich bei seiner Funktion aufsuchen wollte und endlich aus der Schenke holen ließ, sagte: »Ich kriege 2 Taler, dafür soll ich 29 Strophen spielen. Das lasse ich bleiben und gebe diese 2 Taler Einer blinden Matrone, und ohne einen Knochen zu rühren, tue ich armer Teufel so mehr Gutes im Leben als jener tote Herr, der gut schenken hat, was er nicht braucht.«

Dresden, 29. Mai. Ein Literator zu Herrnhut, namens Peter Mortimer, ein Mann von 72 Jahren, sandte vor 5 bis 6 Jahren durch den alten Körner ein Manuskript nach Berlin, worin er die Kirchentonarten (die man auch die griechischen nennt) auf feste Grundsätze bringt.

Da mir die Materie längst wichtig war, als ich manches darin zu erreichen gesucht, wie Du vielleicht aus manchen meiner Lieder, zum Exempel: »Mahadöh«, »König von Thule« und anderen, bemerkt hast, so ist das Manuskript mit Hülfe unseres Ministeriums zum Drucke gekommen. Ich selbst wollte mich mit dem Verfasser in Korrespondenz setzen, schickte ihm neue Versuche als faktische Erstlinge seiner Grundlehre, der alte Patron aber antwortete nicht und ließ mir nur einmal sagen: es wäre recht, was ich gemacht hätte — was mich sehr verdroß.

Damit ist denn nichts abgetan, und unser Minister hat erlaubt, daß ich den Peter Mortimer heimsuchen durfte in seinem Herrnhut. Nachrichten über diesen Mann von berlinischen und ändern Gemeindebrüdern wollten weder lauten noch stimmen: man müsse es nicht zu genau mit dem alten Manne nehmen, er sei podagrisch, wunderlich und was noch.

Die Ursache meiner Reise ist demnach dieser Peter, und nun bin ich hier in Dresden, und der Peter hat mich nicht gegessen; es ist vielmehr die beste Haut in der Welt, hinter der manches Platz genommen hat, das nicht zu ihm gehört: er ist überflüssig verheuratet, und endlich ist er Herrnhuter. Das darf er nicht leugnen, das will er nicht sagen, das hat er vergessen, und kurz — er ist ein Erzschelm und Dein Hafis, wie er leibt und lebt. Ein vollkommen schöner Greis, ein kupider Mund, ein »gereizter Schlund« und ein Augenpaar wie die Gesundheit selbst; wie das zu einem gebückten schwerwandelnden Körper paßt, magst Du raten, aber so ist’s.

So hat er sein Leben hingebracht, lateinische Verse auf Angelegenheiten der Brüderschaft zu machen, die man lobt, Missionsschriften in verschiedene Sprachen zu übersetzen und endlich für sich selbst das obengenannte Werk über den evangelischen Choral mit Hülfe einiger alten Gesangbücher des 16. Jahrhunderts zustande zu bringen.

Daß er arm ist, erfuhr ich, indem seine gute Frau mir sagte: sie beklage, daß sie mich nicht zum Essen bei sich sehn könne. »Wir essen aus dem Brüderhause, und da« — und so weiter.

Im Brüderhause wird für alles gekocht, was sich einzuschränken hat: zu 6, zu 8 und zu 10 Groschen die Person, und zwar nicht für einen Tag, sondern für die ganze Woche, und daß für diesen Preis keine Lampreten zu haben sind, läßt sich begreifen, und hier ist also auch die Ursache, weshalb er mir nicht geantwortet hat — er scheut sich, das Porto zu übertragen, und zahlen kann er’s nicht, und Gelegenheit ist ihm nicht geworden.

Am ersten Feiertag ging ich mit ihm zum Morgengebet. Das war früh um 8 Uhr. Um 10 Uhr war die Predigt angesagt. Er ließ sich bereden, mit auf mein Zimmer zu gehn, um über unsere Angelegenheit zu verkehren. Der Wein schmeckte ihm, schloß ihn auf, und siehe, ich erkannte zuletzt einen fidelen Kamraden. Er ist schüchtern und darf sich vielleicht auch seiner Frau und Tochter nicht vertrauen. In der Gemeine ist er wenig angesehn. Sie taten ganz kühl, als ich sagte, um einen solchen Mann könne man schon 40 Meilen reisen. Niemand anerkennt hier sein Choralwerk und haben Mosen und die Propheten; ich habe es in Schutz nehmen müssen. Er selbst hat nur ein rohes Exemplar, sein einziges Manuskript hat der Setzer bekommen. Er schreibt ein bequemes fließendes Deutsch und eine körnige Hand. Nun hat er versprochen, mir zu antworten, wenn ich schreibe.

Dresden kommt mir jetzt vor wie ein ausgebrannter Krater. Enge Straßen, hohe Häuser, kein Kirchturm zu sehn und der Geruch unausstehlich. Graff ist tot, Riedel tot, Becker, Naumann, Schuster tot. Kügelgen ermordet. An der Stelle bin ich vorbeigefahren, wo die entsetzliche Tat geschehn ist; fast in der Vorstadt, wo überall Leben ist. Ich weiß, es gibt keinen Zufall, es kann keinen geben. Ein infamer Dieb ermordet einen stillen, fleißigen, geliebten Mann, um wenige Groschen zu stehlen; ein unschuldiges junges Blut, fast ohne Arg, wird zum Meuchelmörder an einem Hundsfott, den man auf öffentliche Kosten in einer Pfütze hätte ersäufen sollen: es ist unmöglich, aber es ist wahr.

Nun rate: wen finde ich hier? Jean Paul Friedrich Richter, den ich nach 21 Jahren kaum wiedererkannt hätte, doch er mich. Ich war morgens bei ihm und fand ihn liebenswürdig, lebhaft und gesund.

Auch Tieck ist wieder erwacht und, wie er merken läßt, fleißig. Böttiger ist im Begriff, sich am rechten Auge den Star operieren zu lassen. Der alte Legationsrat Beugel, der hier bei der Bibliothek ist, will mir noch wohl und spielt und singt meine Liedchen. Da erzählt er mir über Tisch (denn wir essen zusammen), wie ihm dies und jenes so und so zusagt, und ich Narr höre es gerne und bin dem alten Manne gut. Außerdem fehlt es hier nicht an Berlinern, die, wie Du ja weißt, überall sein müssen.

Montag, 3. Juni. Ich wollte nur 2 Tage in Dresden bleiben, habe aber noch gestern eine Messe gehört und bin jetzt in Pretzsch, an der Elbe zwischen Torgau und Wittenberg. Der Oberprediger hier beschafft eine Singschule, die zu meiner Beobachtung gehört, und die Sache geht gut genug. Wohl kann ich danken, noch beim Leben des Glücks zu genießen, meines guten Fasch Saaten aufgehn zu sehen: in Frankfurt a. O. fand ich eine recht gute Singgesellschaft und eine fast noch bessere Liedertafel, wo Deine Lieder gesungen werden, in Görlitz desgleichen, sogar in Dresden. In letzterm Orte singen dagegen die Kreuzschüler kreuz und quer über die Straße hin das schnödeste Zeug, woran sie selber keine Freude haben.

Dessau, den 6. Von Wittenberg bin ich nicht eben zufrieden hinweggegangen. Der Herr Musikdirektor liebt zu lesen, zu reden, zu essen und noch besser zu trinken und weiß sich nicht anzustellen. Seine Orgel ist im Verfall, und sein Kalkant hat in Begleitung eines Achtgroschenstücks einige Donnerschläge ruhig ausgehalten, wie ich die Balgenkammer in Staub begraben fand. Das ganze Nest ist schimmlig worden, und die große Glocke ist geborsten und schnurrt; da eilte ich dem frischen grünen Dessau zu, woher mich ein guter Orgelbauer gelockt hat.

Berlin. Sonntag, 23. Juni. Nun bin ich schon über 8 Tage wieder hier, in wenigen Tagen geht meine Doris nach Ems. Eben habe die Zauperischen »Studien über Goethe« bestanden. Oft genug habe ich über Dich müssen schelten hören, auch von solchen, mit denen ich in gutem Vernehmen geblieben bin, es wollte mir nicht weh tun. Jeder glaubt, etwas sagen, ja unparteiisch sein zu müssen, und meint es eigentlich gut, besonders mit sich selber. Ein gewisses Gefühl war mir dabei natürlich wert: als wenn ich im stillen recht gut wüßte, was man nicht zu lernen braucht.

Höre ich Dich nun loben, so ist mir ganz anders zumute, als ob sie nur nicht tadeln wollten. Etwas Eifersucht mischt sich auch ins Spiel, eine Empfindung, die mir erst durch Calderon klar ist. Das ist nun nicht der Fall mit dem ehrlichen Zauper, der klettert von mehrern Seiten an Dich herauf, um Boden für eigene Füße zu finden. »Wenn ich ein Maler wäre,« so spricht er, Seite 19, und merkt recht gut, daß Machen und Gemachtes Machen nicht einerlei ist. Da nun die warme Luft von der südlichen Seite kommt, woher sonst nur Hitze kam, so soll ihm Dein artiges Briefchen gegönnt sein. Du hast ihm darin einen guten Pfropf auf die Flasche gesetzt: ob er sich wohl daran machen wird, ihn auszuheben?

Deinen neuen Band: »Aus meinem Leben« habe bereits verschlungen, wenn auch noch nicht verschluckt; ich bin von Schlangenart und brauche Zeit zum Verdauen. Vorläufig will nur sagen, daß der »Champagnerkrieg« eben zu rechter Zeit kommt, wenn auch die Wirkung sich nicht gleich zeigt. Mir geht’s nicht besser, alles zerfließt mir auf der Zunge, hernach geht’s erst ans Kauen, was Weile haben will. Ist Dir doch auch nicht alles angeflogen. Das Unheil aus dem schnöden Pfuschwesen ist denn doch so dargestellt, daß man nicht vor Scham verzweifeln muß und dazwischen manchmal lächeln kann. Das sollen die Prahlhänse, die Geschichtschreiber wohl bleiben lassen.

Isegrim habe in Pankow vorigen Sonntag besucht, wo er sich bis an die Ohren in Sand und Bücher vergraben hat. Seine Gesundheit ist im Zunehmen, wiewohl er immer noch klagt; wir haben ein paar heitere Stunden miteinander gehabt. Vom Herrn v. Henning weiß ich, daß Du jetzt im Marienbade bist, doch sende dieses Papier nach Weimar, wo Du es nach Deiner Zurückkunft finden magst.

Den berühmten Schuldenmacher Herrn Müllner habe in Dresden kennen lernen, ohne mich zu seiner »Schuld« zu bekennen, die mich einigemal so in Schrecken gesetzt hat, daß ich nicht über den zweiten Akt hinausgekommen bin. Außer dem sieht der wütende Mann, den ich mir in Gestalt eines Reibeisens dachte — ganz gelassen aus.

Mein Vater hatte einem Manne Geld geliehen, dessen Namen er vergessen hatte. Darüber äußerte sich die Mutter mit den Worten: »So machst du es immer und läßt es dir sauer werden und kommst um das Deinige.«

Mein Vater erhob sein Antlitz gegen die Mutter und sprach: »Frau! wenn ich nur dich habe, so sch . . . ich in alles Geld der Erde! Weiß doch der Mann, wie ich heiße!«
Nach einigen Jahren kam der Mann von der Reise und brachte das Geld wieder. Er hieß Venus.

Das fällt mir eben ein, indem ich diesen Bericht mit den Worten des 73. Psalms Vers 25 schließen wollte. Gott sei mit Dir wie ich

Dein

getreuster

Mittwoch, den 26. Juni 1822. Z.

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