2016-09-25

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 24.01.1823 (400)



400. An Goethe 24.01.1823

Gut Werk kommt zum guten Tage! Heut ist der 24. Januar, meines ewigen Friedrich Geburtstag. Da kommt Deine allerliebste Sendung vom 18. dieses mit allerliebstem Briefe.

Da sollte man an ein Ohngefähr glauben? — Das lassen wir bleiben. Was von Anbeginn gesorgt hat, daß Gutes komme zum Guten, das sind die ewigen Götter. Gloria in excelsis!

Nichts aber ist so dumm, wo nicht recht Kluges hinter wäre. In Wien erzählte man mir folgendes. Zwei Leute begegnen sich. »Was hast du denn da unterm Arme?« — »’s iß d’ >Sappho<; bin im Buchladen gewesen, hab’ mir d’ >Sappho< kauft; soll’s lesen.« — »Nun da hast du ja noch ein Buch, was ist denn das?« — »’s ist auch d’ >Sappho<, ich soll’s zweimal lesen, weil’s schön ist zu verstehn.«

Du schickst mir nun ein zweites Exemplar von der »Morphologie und Naturwissenschaft«, und nun bin ich ein so guter Österreicher, daß ich’s zum zwanzigsten Male durch-stöbre und so gewiß ein neues Körnchen finde. So habe denn den zwanzigsten Dank wie den tausendsten.

Wie ein Märchen, sagst Du, kommen Dir Deine Blätter vor. Und bedenke ich, daß vor mehr als hundert Jahren ein Mann gelebt hat, den ich kannte und verehrte, als ich auch schon ein Mann war, so träumt mir das nämliche Märchen. Und will ich mir’s selber nicht glauben, daß ich so alt bin, was sollen andere tun?

Auf der Akademie halten sie heute Sitzung über Ihn. — Stehn sollten sie mir, vor der Türe, wenn ich das Befehlen hätte. Ein Stall von Lausejungen, und Grauköpfe darunter. Sie können sich kaum zufrieden geben, daß der König nichts von ihnen macht, als wenn sie sich was anders als guten Tag machten! Dem Alexander Humboldt geben sie heut ein großes Essen — er möge doch ihrer beim Sultan in Gnaden gedenken — und gönnen ihm nicht das Weiße im Auge. Ich will hoffen, er ißt mit, der ehrliche Kerl, und denkt wie Goldschmidts Junge.

Unser Wunderlichste ist ins Versemachen gefallen, wovon er mir das anliegende Pröbchen gestern zugesandt hat. Wenn er nicht selber um Hülfe schreit, wird ihn so leicht keiner herausziehn; doch wär’ es schade, wenn er drin umkommen sollte. Mit Hendekasyllaben hat er angefangen, und mit Rätseln setzt er sich über Wasser und Fluten, die so fest gefroren sind, daß wir hier sogar an diesem Elemente anfangen Mangel zu leiden.

Es ist Sonnabend und Posttag. Lebe wohl! und grüß’ die Deinigen von Deinem

Z.

Da nach Deinen Worten unter uns die Passage wieder offen ist, so magst Du ja auch wohl wöchentlich einen Gedanken auslaufen lassen. Es gibt einen Anstoß, den ich vor vielen brauche.

Einer von Friedrichs Gardisten sagte zu seinem Kamraden: »Du, sieh einmal, was der König einen schlechten Hut aufhat!« — »Dummer Kerl!« war die Antwort, »sieh einmal, was das ein Kopf ist!«

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