25.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 14.12.1822 (397)



397. An Zelter 14.12.1822

An dem ersten musikalischen Abend, der mich seit Jahren erfreut, kommt mir Deine liebwerte Sendung, und so ward mir auf der Stelle Dein neubelebendes musikalisches Schaffen meines Schöpfungswerkes gar heiter und kräftig vorgetragen.

Habe Dank für Deinen langsam vorgeschrittenen Brief, mich erquickt höchlich jedes Wort von Dir; Deine Buchstaben sind herz- und sinnvoll.

Hiebei das letzte Stück »Morphologie«, ingleichen »Kunst und Altertum«; erbaue Dich daran nach Deiner Weise, wo nicht unmittelbar, doch mittelbar, Du verstehst ja die Vorkommnisse symbolisch zu behandeln.

Herr Schöne hatte mir sein Manuskript geschickt, ich sah nur hie und da hinein; es ist wunderlich, daß ein sinniger Mensch das für Fortsetzung halten kann, was nur Wiederholung ist, das Hauptunglück aber bleibt, daß sie haben in Prosa und in Versen schreiben lernen, und damit, meinen sie, wäre es getan.

Das Stück »Kunst und Altertum«, jetzt unter der Presse, schicke ich nächstens, es überbringt manches und regt auch gewiß manches an; daß dies bei Freunden bald geschehe, wünsche ich sehr. Der Winter geht mir ganz tätig vorüber, die Milde desselben tut mir wohl, wenn ich auch wenig auskomme; es ist nichts, was ich unternahm, das nicht vorschritte, und ich legitimiere mich abermals dadurch als Protestanten. Auch hab’ ich bisher viel Fremde gesehen, welches mich unterhält; es ist viel bequemer, die Menschen an sich Vorbeigehen zu lassen, als an ihnen vorbeizugehen.

Ein beiliegendes Konzeptblatt kündigt an, was im nächsten Stück zu erwarten ist; mögest Du dadurch vorläufig zum Anteil aufgerufen werden.

Nächstens mehr! Aber auch Du pausiere nicht zu lange.

Treulichst

Weimar, den 14. Dezember 1822. G.

Er

Ich dacht’, ich habe keinen Schmerz, 
Und doch war mir so bang ums Herz; 
Mir war’s gebunden vor der Stirn 
Und hohl im innersten Gehirn —
Bis endlich Trän’ auf Träne fließt, 
Verhaltnes Lebewohl ergießt.
Ihr Lebewohl war heitre Ruh,
Sie weint wohl jetzund auch wie du.

Sie

Ja, er ist fort, das muß nun sein!
Ihr Lieben, laßt mich nur allein! 
Sollt’ ich euch seltsam scheinen,
Es wird nicht ewig währen;
Jetzt kann ich ihn nicht entbehren, 
Und da muß ich weinen.

Er

Zur Trauer bin ich nicht gestimmt,
Und Freude kann ich auch nicht haben;
Was sollen mir die reifen Gaben,
Die man von jedem Baume nimmt!
Der Tag ist mir zum Überdruß,
Langweilig ist’s, wenn Nächte sich befeuern;
Mir bleibt der einzige Genuß,
Dein holdes Bild mir ewig zu erneuern.
Und fühltest du den Wunsch nach diesem Segen 
Du kämest mir auf halbem Weg entgegen.

Sie

Du trauerst, daß ich nicht erscheine,
Vielleicht, entfernt, so treu nicht meine,
Sonst war’ mein Geist im Bilde da. 
Schmückt Iris wohl die Himmelsbläue?
Laß regnen: gleich erscheint die neue —
Du weinst! Schon bin ich wieder da.

Er

Ja, du bist wohl an Iris zu vergleichen!
Ein liebenswürdig Wunderzeichen:
So schmiegsam-herrlich, bunt in Harmonie 
Und immer neu und immer gleich wie sie.
Die Gegenwart weiß nichts von sich,
Der Abschied fühlt sich mit Entsetzen,
Entfernen zieht dich hinter dich,
Abwesenheit allein versteht zu schätzen.

(Beilage)

Kunst und Altertum. Von Goethe.
IV. Bandes 1. Heft.
Mit einem Kupfer: Der Schild Wellingtons.
Inhalt.

Prolog zu Eröffnung des Berliner Theaters.
Neuere bildende Kunst.
Weimarische Ausstellung von 1821. - Wilhelm Tischbeins Homer. 7. Heft. — Sankt Sebalds Grab zu Nürnberg.
Der schlafende Amor, von Gandolfi. — David mit Goliaths Haupt, nach Guercino. — Ehebrecherin nach Tizian.
- Carus’ Gemälde. — Besuch des Königs von Preußen an Blüchers Krankenbett, von den Gebrüder Henschel in Berlin.

Neugriechisch-epirotische Heldenlieder.
Gabriele von Johanna Schopenhauer.
Das Sträußchen (Altböhmisch).
Ein deutscher Improvisator.
Der Schild Wellingtons.
Der Schild Achilles’.
Alexander Manzoni an Goethe.
Wunsch und freundliches Begehren.
Klaggesang (Irisch).
Julius Cäsars Triumphzug von Mantegna.
Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen von Heinrich Meyer.
Hemsterhuis-Galizinische Gemmensammlung.

Notizen.

Rameaus Neffe von Diderot. — Toutinameh von Iken und Kosegarten. — Volksgesänge abermals empfohlen. — Dom zu Köln von Boisseree. — Wiederholte Entschuldigung und Bitte. — Selbstbiographie. — Archiv des Dichters und Schriftstellers. — Lebensbekenntnisse im Auszug. — Der Fünfte Mai, Ode von Alexander Manzoni.

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