2016-09-06

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 13. März 1822 (387)



387. An Zelter 13. März 1822

Also zuvörderst Glück zur verherrlichten Liedertafel! Es ist doch recht schön, daß Fürst Radziwill dem Könige bekannt macht und genießen läßt des mannigfachen Guten, was er um sich hat. Sodann aber den schönsten Dank für die liedreiche Bewirtung des werten Kindes; sie ist glücklich angekommen und erzählt recht viel. In ihrer guten und natürlichen Art sieht sie die Dinge recht klar und deutlich, und so bleiben sie auch vor ihr stehen, immer als gegenwärtig; man kann nicht sagen, daß sie urteilt, aber sie vergleicht gar einsichtig. Es wundert mich, daß sie nicht gleich geschrieben hat, denn sie ist im Gedanken noch immerfort bei euch. Grüße Doris zum schönsten und danke ihr für die freundliche Teilnahme, Fordernis und Geleit.

Von unserer Großherzogin kann ich nur sagen, daß Bewunderung und Verehrung gegen sie immer mehr wachsen muß; sie ist zweimal gefallen, jedesmal mit bedeutender Beschädigung, ist sich aber immer selbst gleich, wankt und weicht nicht von ihrer Art und Weise; daneben macht sie sich zum Geschäft, die tanz- und festlustige Jugend in Bewegung zu erhalten und, selbst leidend, ändern Freude zu machen. Sie besucht mich die Woche gewöhnlich einmal, da ich mich denn jederzeit vorbereite, irgend etwas Interessantes vorzulegen, wo denn ihre ruhige gründliche Teilnahme an Gegenständen aller Art höchst ergötzlich und belohnend wird.

Ich selbst habe mich diesen Winter sehr stille hingehalten, aber doch zuletzt einem Katarrh nicht entgehen können, den ich denn auch bei dem allerschönsten Wetter bald loszuwerden gedenke.

Wenn Du Freund Seebeck siehst, so entschuldige mich aufs beste, daß ich nicht geschrieben. Eine briefliche Wirkung in die Ferne wird mir beinahe unmöglich, und ich muß mich schon recht zusammennehmen, wenn ich das, was tagtäglich auf mich eindringt, beseitigen will. Wenn man denkt, wie viele Fäden durch ein langes Leben sich anknüpfen und anspinnen, so sollte man sich sagen, man habe daran genug, und doch unterläßt man nicht, bei Gelegenheit wieder nach einem neuen zu greifen, wie man’s in der Jugend getan, und da wird denn die Obliegenheit des Tagewerks bei abnehmenden Kräften zuletzt gar lästig.

Die Meinigen sind alle wohl und munter, die Enkel besonders ohne Tadel, das neuemporstrebende Leben noch in seiner ersten Blüte, wo sogar die Mängel unserer Natur anmutig erscheinen.

Zu Jubilate kommt allerlei, was ich den Freunden im stillen bereite. Möge jeder sein Teil wohlwollend empfangen!

Meine Gegner irren mich nicht, wer müßte dies nicht in der Welt, besonders aber in Deutschland gewohnt werden! Die edlen physischen Widersacher besonders kommen mir vor wie katholische Pfaffen, die einen Protestanten aus dem Tridentinischen Konzilium widerlegen wollten.

Schubarth ist ein merkwürdiger Mensch; es ist schwer vorauszusagen, wohin es mit ihm gedeihen kann. Bei der jetzigen Lage der Literatur überhaupt, besonders der in alles ein- und übergreifenden deutschen, arbeiten sich geistreiche junge Männer schneller empor zu klarer Übersicht und merken nur allzufrüh, daß Urteilen keine sonderliche Befriedigung gibt. Sie fühlen, daß man produzieren müsse, um sich und ändern einigermaßen genugzutun. Das ist aber nicht einem jeden gegeben, und so hab’ ich die besten Köpfe mit sich selbst uneins gesehen.

Die drei Kupferstiche waren sehr willkommen, da ich den Meister höchlich schätze. Das größere stellt auf eine wunderliche Weise das Manna des Wüstenzuges vor. Die Wüste wird man freilich nicht gewahr; ein dichter Wald, ein Landhaus in der Nähe möchte wohl die Gabe des Himmels nicht so gar notwendig machen. Genau besehen hat der Künstler bloß auf die menschlichen Motive reflektiert: emsiges Auflesen, dazu ist ihm eine Figur in der Mitte genug; freudiges kräftiges Aufpacken beschäftigt die Begünstigten zu unserer Linken, welches zwar rechter Hand wiederholt ist, aber nur subaltern, indem hier ein weiser Mann die Hauptrolle spielt, welcher das Geschäft zu leiten scheint. Und in diesem Sinne ist es köstlich komponiert, daß auch nicht das mindeste daran auszusetzen sein möchte.

Das zweite, kleinere, von vortrefflicher Komposition vieler Figuren, ist ohne Zweifel ein Sabinenraub. Das dritte wissen wir nicht zu dechiffrieren: vor einem leeren Thron, den ein langbemantelter Greis zu bewahren scheint, stehen gebundene Krieger in demütiger Stellung; der Hautgedanke ist ganz sublim, nur läßt sich der Zusammensetzung vorwerfen, daß ein Arm zwei Gefangenen zugehören, den linken des einen, den rechten des ändern vorstellen kann. So etwas entwischt auch einem außerordentlichen Manne; Rafael jedoch hat sich dergleichen niemals zuschulden kommen lassen.

Ferner muß ich vermelden, daß Deiner Gabe noch eine andere treffliche vorausgegangen. Ich habe nämlich einen sechszölligen Bacchus von Bronze zum Geschenk erhalten, ein militärischer Freund brachte ihn von der Expedition nach Neapel mit; es mag ihm ein uraltes Vorbild der besten Zeiten zum Grunde liegen, aber auch diese flüchtige Nachbildung darf man nicht später als in die Zeiten der Antonine setzen. Und so kommt denn manches zusammen, und es ist freilich sehr hübsch, da mir diese Dinge noch immerfort den größten und reinsten Anteil abgewinnen.

Nun muß ich aber nochmals zu dem größeren Polidor zurückkehren. Freund Meyer, in Aufziehen von Kupfern und Zeichnungen unübertrefflich, hat auch dieses Blatt ganz herrlich her gestellt. Nun konnte man es erst nach seinem ganzen Wert überschauen, da alle Runzeln ausgeglichen waren, und da fand sich denn, daß ich es oben falsch ausgelegt. Es sind nämlich nach wie vor die Kinder Israel und das Manna; allein das Auflesen als eine kleinliche Handlung hat der Künstler ganz beseitigt, nur das Wegtragen einer kostbaren gewichtigen Gabe dargestellt; denn selbst die knieende Figur im Mittelpunkte liest nicht auf, wie ich erst dachte, sondern sie ist mit aller Kraft bemüht, das Gefäß von der Erde zu heben. Alle andere Figuren zeigen stufenweis dieselben Bemühungen, es ist keine Figur, der man nicht Anstrengung ansähe, und doch ist alles höchst gefällig und lieblich.

Ich bemerke, daß diese Gemälde außen an Häusern braun in braun angebracht waren, wovon glücklicherweise zu verschiedenen Zeiten Nachbildungen besorgt worden. Zu meiner Zeit waren in der Gegend des Palastes Lanzelotti noch einige dergleichen mehr oder weniger sichtbar.

Damit Du mich aber nicht für allzu wunderlich hältst, daß ich oben jede briefliche Mitteilung ablehne und nun mehrere Blätter absende, so sag’ ich, daß seit 14 Tagen ich von einem rheumatischen Übel befallen worden, wo ich, zu jedem Geschäft untauglich und durchaus unmutig, die Gegenwart eines Freundes herbeirief, mich mit ihm zu unterhalten; dieses geschah nun dictando, wie vorsteht, welches absende mit der Nachricht, daß es um vieles besser geworden.

Treulichst

Weimar, den 13. März 1822. G.

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