04.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 01.03.1822 (386)



386. An Goethe 01.03.1822

Berlin, 1. März 1822. 

Gestern hat der König unsere Liedertafel mit sichtbarem Wohlgefallen gehört und wider alle Gewohnheit von 9 Uhr an bis nach Mitternacht an Tafel Stich gehalten.

Fürst Radziwill, der Mitglied der Liedertafel ist, hatte das Plenum zu sich in sein Haus geladen.

In einem geräumigen Saale war eine längliche Tafel für 30 Sänger serviert.

Am obern Teile derselben, an einer besondern runden Tafel saß die Prinzeß Radziwill als Hauswirtin mit dem Könige, dem Kronprinzen und den ändern Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses, dem Großherzoge von Mecklenburg-Strelitz und seiner Gemahlin.

An noch 3 besondern runden Tafeln Generale und erste Staatsbeamten nebst Frauen und Fräulein.

Zwischen den Gängen wurden nach und nach zwölf verschiedene Lieder gesungen, unter welchen »Die heiligen 3 Könige« und »Soldatentrost« besondere Wirkung merken ließen.

An der Tafel ließ sich der König unsern »Willkommen« (der in einem großen bronzenen Weinbecher besteht und zugleich eine Stimmglocke ist) bringen und sich dessen Bedeutung wie den Zweck und die Ordnung der ganzen Stiftung von mir vortragen.

Was mich daran freut, ist nun, daß das Ding doch einen Gehalt hat und nicht gleich wieder aus der Mode gekommen ist; denn wir sind nahe dran, unser drittes Lustrum zu begehen, und da es sich von hieraus nord- und südwärts über Weichsel, Main und Rhein hinaus verbreitet, so erfährt man wohl von dorther, daß in der Spree Fische sind; in Leipzig, wo sie alles wissen und auch eine Liedertafel haben, taten sie auch ganz bescheiden, als wenn ihre Korrespondenten noch nichts merken lassen.

Graf Brühl ist gänzlich hergestellt und war auch an unserer Tafel, wo Fürst Radziwill den aufmerksamsten Wirt machte.

Ist denn unser holdes Fräulein noch nicht wieder bei euch? Man erfährt nichts, und Doris ist in Sorgen. Laß mich ja auch wissen, wie sich eure edelste Großherzogin befindet.

Die Herzogin von Cumberland konnte nicht aufhören, von Dir zu reden und Dein Befinden zu erfragen; sie grüßt tausendmal und wollte mich beneiden, daß ich Dich im Herbste gesehen.

Den inliegenden Brief bist Du wohl so gut nach Frankfurt abgehn zu lassen.

Dein

Z.

Anliegendes Schnitzelchen aus der heutigen Zeitung (2. März) ist eine Ausfoderung.

Es greift nach einer verwachsenen Fakultät, die aus Einem Bruche und einigen Nullen besteht.

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