14.09.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe Ostern 1822 (391)



391. An Goethe

Ostern 1822.

Gestern, Sonnabend, ist Madame Mara aus freien Stücken und zwar zu Fuße zu mir gekommen, um, wie sie sagt, mein wohlverdientes Geld zählen zu helfen. Stelle Dir vor, diese 72jährige Matrone, dieser Dämon von Sängerin, ist gerührt worden von unserm »Messias«. Der Schmerz und die Freude, sagt sie, habe sie hingerissen, die Beisitzenden müßten sie für närrisch gehalten haben. Die Fugen wären geflossen, eine Orgel von lebenden Stimmen. Sie hat in London oft genug in dieser Musik gesungen; in Summa: sie gesteht, daß unsere Produktion sich wohl neben der Londoner, worauf sich die Engländer genug zugute tun, könne hören lassen.

Nun muß ich sagen, daß nach einer einzigen flüchtigen Probe (einige Placker der Königlichen Kapelle, die sich von mir gern recht gut bezahlen läßt, abgerechnet) es mir selber gefallen hat. Aber daß eine 3 Stunden lange Musik so anhaltend eine gedrängte Menge interessieren und befriedigen kann — daran merken wir, daß eine 32jährige Arbeit hier und dort in Frucht gegangen ist.

Den 8. April. Über diesen »Messias«, der aus Luther’schen Bibelworten zusammengesetzt ist, bin letzthin wieder unter die Philologen geraten und, wie es heißt, grob worden.

Es ward gesagt: die Musik sei ein wunderlichs Wesen, indem sie Prosa metrisch behandle.

Ihr Herren, war die Antwort, wißt nicht, was Prosa ist. Es gibt gar keine Prosa. Was ihr so nennt, wird nur durch euch dazu, indem ihr an euch und der Welt so lange schnitzt und drechselt, bis ihr die Hände voll Späne habt, die ihr denn getrost für eins oder anderes ausgebt, um einen Namen zum Kinde zu haben. Ihr lebt und steht und geht und wißt es nicht und wißt alles; ihr redet und schweigt und begreift nicht, daß das alles metrisch ist, so lange ihr gesund seid. Da ihr aber um das letztere immer den Doktor fragen müßt, so ist euch nicht zu helfen, Sela. Das war übermütig, stolz und so weiter.

Als wären wir ein Vieh,
Versteht man nicht Griechisch. Und sie,
Wie weit sind sie denn her?
Wie verstehn denn sie ihren Homer?
Schlagen sich drum und boxen —
Und wir? wir wären die Ochsen?
Nein, lieber Mozart, nein!
Das kann nicht sein!

Den 9. Seit drei Tagen darf ich nicht ausgehn, der Doktor sagt, ich sei krank; daher schreibe Dir solch krankhaftes Zeug.

Gestern abend kam Professor Hegel, sagend: unser Freund Isegrim sei bedeutend krank und verlange nach mir. Da bin ich diesen Nachmittag bei ihm gewesen, habe ihn im Bette und in der Tat schmächtig gefunden. Er hatte seinen letzten Willen aufgeschrieben. Von mir verlangt er nach seiner Vollendung vor Sonnenaufgang bestattet und von einer tüchtigen Blasemusik begleitet zu sein. Das habe versprochen und einen guten Totenmarsch dazu, wenn er sich mit seinem Abscheiden so einrichten will, daß ich bei der Hand bin.

Sezierung wird verbeten, ja verboten; Rasieren, Waschen, Sterbekleid desgleichen. Wer nichts weiß, soll aus ihm nichts lernen. Die Würmer würden ohne das Appetits nicht ermangeln; er sei nicht so stolz, sich als Präparat für unbekannte Gäste ordentlich anrichten zu lassen.

Wie es scheint, hat er Lust, die Exekutoren seines letzten Willens zu überleben, und ich bin schon zufrieden, keiner von den Würmern zu sein, die auf seinen Leichnam hungern sollen. Er ließ eben den Arzt fragen: ob er Wurst essen dürfe, Makkaroni und dergleichen.

An Dich hat er einen Brief angefangen zu diktieren, einen Abschiedsbrief, den er nach völliger Wiederherstellung vielleicht zu vollenden gedenkt. Ich glaube nicht, daß es so schlecht mit ihm steht, ich verlöre ihn ungern und lerne von ihm; so mag er leben, bis er tot ist.

Den 14. Vorgestern haben sie Liedertafel gehabt, ohne mich; ich soll ja nicht aussein. Es ist kein Wunder, daß keiner den »Diwan« versteht, da er nur für mich in die Welt kommen ist. Hundertmal habe ruhig den Titel gelesen und nichts dabei gedacht, als wie man Müller, Schulze, Noack heißt. Nun ich ein Stück nach dem ändern in Musik setze, habe erfunden, was Diwan, was Hafis heißt, und werd’s Dir selber nicht verraten; aber wie der Klöppel der Erfurter Glocke soll’s Dir ans Ohr schlagen, wenn Du kommst und »Elemente«, Seite 14, und »Dreistigkeit«, Seite 25, hörst. Die Wirkung dieser Stücke fängt an, allgemein zu werden, das hör’ ich nachklingen, wenn ich fein zu Hause bleibe, und wenn man Geduld hat mit den Leuten, so haben sie wieder Geduld mit sich und merken zuletzt, daß ein Gedicht etwas unter seinen Worten hat, das drüber ist. Der T. soll mich holen, wenn diese Stücke nicht prächtig sind, und sind sie’s nicht, so tut er’s umsonst!

Dein

Z.

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